27 Nov., 2025

Update zur Stellungnahme vom 13.11.2025

von FSC Deutschland zur ARD-Dokumentation „Verschollen – Schmutzige Geschäfte mit dem Klimaschutz“, Das Erste, Sendetermin: 12.11.2025 & online

Die ARD-Dokumentation „Verschollen – Schmutzige Geschäfte mit dem Klimaschutz“, Erstausstrahlung vom 12. November 2025, zeigt irritierende Bilder aus der Region um Minas Gerais in Brasilien. FSC® wird im Kontext der Bewirtschaftung von Eukalyptusplantagen genannt. Die erhobenen Vorwürfe gegenüber den Plantagenbetreibern und der Umgang mit den Menschen im Umfeld dieser Betriebe widersprechen den Grundwerten, für die FSC steht. Das Wohlergehen der Menschen vor Ort und der Schutz der Umwelt sind für FSC, unsere Mitglieder und Partner nicht verhandelbar. Die Umwandlung intakter natürlicher Waldökosysteme wie dem Cerrado ist FSC-zertifizierten Betrieben untersagt.

Die genauere Analyse des Filmes hat ergeben, dass zwischen Minute 15:12 und 17:12 eine FSC-zertifizierte Plantage des Unternehmens Aperam gezeigt wird. Dabei geht es um Beschwerden von Bewohnern angrenzender Gemeinden über die Verschlechterung der Wassersituation und sinkende Trinkwasserspiegel. Eine Durchsicht der neueren öffentlichen Zertifizierungsberichte zeigt, dass die zuständige FSC-Zertifizierungsorganisation dies jedoch sehr ernst nimmt. Es wurden nach den Kontrollen 2024-2025 mehrere Auflagen an die Plantagenbetreiber formuliert, die für einen Fortbestand der FSC-Zertifizierung erfüllt werden müssen (Vergl.: https://fscglobal.my.salesforce-sites.com/servlet/servlet.FileDownload?file=00PUV00000cO66P2AS).

Die Dokumentation zeigt jedoch ausschließlich den FSC-Auditbericht von 2020 und bezieht sich auf Aussagen aus diesem Bericht. Warum die neueren Berichte der Jahre 2021-2025 sowie eine Zusatzüberprüfung vor Ort durch die FSC-Kontrollorganisation ASI (Assurance Service International) aus dem Jahr 2024 in dem Bericht den Zuschauer:innen vorenthalten werden, bleibt auch auf Nachfrage bei der zuständigen Redaktion unbeantwortet. Neuere FSC-Berichte belegen eindeutig, dass die Probleme der Menschen in der Umgebung mit ihrer Wasserversorgung ernst genommen werden. Die Zertifizierungsorganisation hat daher entsprechende Hauptabweichungen (Major CARs) dokumentiert. Werden diese nicht bis zum nächsten Audit Ende dieses Jahres beseitigt, droht der Plantage die Suspendierung vom FSC-Zertifikat.

Wichtig: Der im Film häufig genannte und vielfach gezeigte Stahlkonzern Gerdau ist nicht FSC-zertifiziert. Die gezeigten Bilder von Gewalt, Einschüchterung von Bewohnern und Landkonflikten sowie die Umwandlung von Cerrado-Landschaften stehen nicht im Zusammenhang mit FSC-zertifizierten Betrieben.

Zur Dokumentation und erfolgten Korrekturen durch die ARD

Die Dokumentation enthielt mehrere sachliche Fehler über FSC. Nach Hinweis von FSC Deutschland wurden Teile der Dokumentation am 24.11.2025 in der ARD-Mediathek überarbeitet. FSC Deutschland hat sich aufgrund verbleibender journalistischer Fehler erneut an die Redaktion gewandt, weitere Korrekturen gefordert und den Rundfunkrat des SWR infomiert.

Was haben wir herausgefunden?

Der im Film bei Min. 15:00 genannte Stahlkonzern Aperam ist bereits seit einigen Jahren FSC-zertifiziert. Zusätzlich zu den jährlichen Kontrollen führte die unabhängige Akkreditierungsstelle ASI (Assurance Services International) Anfang 2024 in Minas Gerais eine Überprüfung im Betrieb von Aperam durch. ASI überwacht im Auftrag von FSC weltweit die Zertifizierungsstellen, die FSC-Zertifikate vergeben.

Der öffentliche ASI-Bericht bestätigt Fehler beim Umgang mit Beschwerden lokaler Gemeinschaften u.a. wegen des erschwerten Zugangs zu Wasser. Die damals zuständige Zertifizierungsstelle Bureau Veritas musste nachbessern und dem Betrieb zusätzliche Auflagen für den Erhalt der Zertifizierung machen. ASI stellte drei verbindliche Korrekturanforderungen („Nonconformities“) fest. Mitte 2024 hat die Zertifizierungsstelle für das Zertifikat von Aperam gewechselt.

Der ASI-Bericht ist öffentlich zugänglich: https://www.asi-assurance.org/ASIAssessmentDetail?number=A-20230246974

Zentrale Richtigstellungen und notwendiger Kontext zur Dokumentation

  1. „Der FSC bescheinigt vorbildliche Arbeit“ (Min. 15:35)

Eine FSC-Zertifizierung bescheinigt die Einhaltung definierter Standards mit Blick auf soziale und ökologische Fragen – nicht „vorbildliche Arbeit“. Der aktuelle Auditbericht 2024/25 zur Plantage von Aperam benennt explizit Verbesserungsbedarf. Vor Minute 15:35 wurden keine FSC-zertifizierten Plantagen gezeigt. Für Zuschauende sind daher Verwechslungen oder eine Vermischung von gezeigten Ereignissen auf den Landflächen des nicht-zertifizierten Unternehmens Gerdau S.A. möglich.

  1. „Interne Dokumente, die der ARD exklusiv vorliegen“ (Min. 16:22)

Alle FSC-Auditberichte für Forstbetriebe (inkl. Plantagen) sind öffentlich auf https://search.fsc.org verfügbar. Die als „intern“ und „exklusiv“ bezeichneten Dokumente sind alte Auditberichte aus 2020, die ebenfalls öffentlich abrufbar sind. Neuere Berichte (2021, 2022, 2023, 2024/2025) sowie der Sonderbericht, der für FSC-Auditoren zuständigen Akkreditierungs- und Kontrollorganisation ASI aus dem Jahr 2024, waren dem Produktionsteam bekannt, wurden aber nicht berücksichtigt.

Alle Dokumente: https://search.fsc.org/de/certificate/a0240000005uHY8AAM/?tab=documents

FSC Deutschland hat die Redaktion des SWR am 17.11.2025 schriftlich über diese Falschdarstellung informiert. Die Redaktion änderte die Formulierung daraufhin am 24.11.2025.

  1. Fehlende Berücksichtigung klimatischer Faktoren

Die deutlich sinkende Niederschlagsmenge in Minas Gerais seit 2010 wird nicht erwähnt, obwohl dies im gezeigten Auditbericht 2020 dokumentiert ist und Teil der Bewertung der Wassersituation ist. Hier zeigen sich direkte Auswirkungen des Klimawandels und der Entwaldung in den Amazonasgebieten. Zusammen mit den Plantagen und intensiver Landwirtschaft verschlechtert sich so die Wasserversorgung in der gezeigten Region insgesamt.

In FSC-zertifizierten Plantagen gelten daher besondere Schutzmaßnahmen für Wasser. Die Auditberichte zu der Plantage von Aperam dokumentieren dies ebenfalls. So hat das Unternehmen zusätzlich Wasserrückhaltebecken errichtet, Wasserbewirtschaftungspläne erarbeitet und Gebiete von über 41.000 Hektar Wald/Savanne unter Schutz gestellt. Weite Teile der Plantage von Aperam wurden in den 1970er Jahren durch das frühere staatliche Plantagenunternehmen Acesita angelegt.

  1. Fehlende Differenzierung zwischen FSC-Zuständigkeit und Stahlproduktion

FSC zertifiziert Waldbewirtschaftung – nicht aber Stahlproduktion, CO₂-Bilanzen oder „Grünen Stahl“. Die Holzkohle der Stahlkonzerne ist nicht FSC-zertifiziert. Was mit Holz nach dem Verkauf geschieht, liegt außerhalb des FSC-Geltungsbereichs der freiwilligen Waldzertifizierung. Die Dokumentation fokussiert trotz sieben verfügbarer Zertifizierungssysteme, die von der Weltbank anerkannt werden, ausschließlich auf FSC.

Wie das FSC-System funktioniert

FSC hat etablierte Kontroll- und Beschwerdemechanismen. Die unabhängige Akkreditierungsstelle ASI führt bei Beschwerden Sonderuntersuchungen durch und bewertet sowohl Zertifizierungsstellen als auch zertifizierte Betriebe. Oft ermöglicht erst die FSC-Zertifizierung den Menschen vor Ort, ihre Interessen gegenüber großen Landbesitzern durchzusetzen – ein wesentlicher Unterschied zu nicht-zertifizierten Plantagen. Die Situation der zwei in der Dokumentation gezeigten Plantagenbetriebe Gerdau (nicht FSC-zertifiziert) und Aperam (FSC-zertifiziert) belegen dies eindrucksvoll.

Beispielhaft zeigt der Zertifizierungsbericht für Aperam 2024/25 wie sehr sich der Zertifizierer mit der Situation der Gemeinschaften vor Ort und der Wassersituation auseinandergesetzt hat. In einem Fall schildert der Bericht, wie über 50 Familien einer Gemeinde zur Wassersituation befragt wurden, nachdem der Plantagenbetrieb keine ausreichenden Unterlagen zu deren Versorgung vorlegen konnte. Diese Familien gaben an, dass sie in der Lage waren, ihren täglichen Bedarf decken zu können.

Warum FSC Plantagen zertifiziert

Plantagen können natürliche Wälder nicht ersetzen. Dennoch zertifiziert FSC verantwortungsvoll geführte Plantagen, um Mindeststandards für Menschen und Umwelt sicherzustellen. Ohne zertifizierte Plantagen würde der globale Holzbedarf noch destruktiver gedeckt werden und die Einschläge in natürliche Wälder würden zunehmen. Eine Reduktion des Konsums und die Förderung von Kreislaufwirtschaft und Recycling bleiben hier jedoch alternativlos, um Wälder langfristig zu erhalten. Beides fördert FSC in seinem System.

Zentrale FSC-Anforderungen für Plantagen in Brasilien

  • Schutz von Wasserressourcen: Natürliche Wasserläufe und Uferzonen müssen geschützt oder wiederhergestellt werden. Wasserläufe haben Pufferzonen, die als Schutzgebiete auszuweisen sind und in denen keine Forstwirtschaft stattfindet.
  • Strenge Grenzen für Landumwandlung: Plantagen in Brasilien werden nur FSC-zertifiziert, wenn das Land bereits vor 1994 aus Wald/Savanne umgewandelt wurde.
  • Schutz der biologischen Vielfalt: Natürliche einheimische Arten müssen erhalten bleiben.
  • Klärung von Landnutzungsrechten: Konflikte müssen durch kulturell angemessene Mechanismen systematisch identifiziert und beigelegt werden, bevor eine Zertifizierung erfolgen kann.
  • Achtung der Menschenrechte: Insbesondere indigene Gemeinschaften müssen nach UN-Standards des FPIC (Free, Prior and Informed Consent – freie, vorherige und informierte Zustimmung) eingebunden werden.
  • Keine Gentechnik: FSC verbietet die Nutzung von genetisch veränderten Organismen.

Transparenz und nächste Schritte

FSC wird die aufgeworfenen Punkte gewissenhaft bearbeiten und transparent kommunizieren. Aktuelle Informationen werden auf www.fsc-deutschland.de veröffentlicht. Prüfberichte sind über die FSC-Zertifikatsdatenbank (https://search.fsc.org/) und die ASI-Website einsehbar.

Wir laden Medien, Zivilgesellschaft und alle Interessierten ein, unsere Arbeit kritisch zu begleiten. Nur durch Dialog und Transparenz können wir gemeinsam dazu beitragen, dass Wälder weltweit verantwortungsvoll bewirtschaftet werden.

 

Hier können Sie die erste Stellungnahme nachlesen, die FSC Deutschland kurz nach Ausstrahlung der Doku veröffnetlicht hat.

Franziska Becker