© E. Hussendörfer
|
Veranstaltungshinweis zum Thema: Waldmanagement im Klimawandel – Welche (Baumarten)Wahl haben wir? 6. Walddialog vom 03. – 04.04.2025 in Arnsberg Gemeinsam mit dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW laden wir Sie herzlich ein, diese Herausforderung mit uns am 03./04. April 2025 zu diskutieren! Es erwarten Sie spannende Vorträge, Expertenmeinungen und eine Exkursion. |
„Wir sollten auch das Kleingedruckte lesen“
Vermehrte Einbringung nicht-heimischer Baumarten als nicht kontrollierbares Risiko
Im FSC-Interview mit Prof. Dr. Erwin Hussendörfer von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Er lehrt dort an der Fakultät Wald und Forstwirtschaft und ist Mitglied der Umweltkammer von FSC Deutschland.
Prof. Hussendörfer sieht in der vermehrten Einbringung nicht-heimischer Baumarten keine Lösung. Sie bergen Risiken für die Ökosystemverträglichkeit, die man nicht im Griff habe. Für eine Deckelung wie im Waldstandard sieht er die Notwendigkeit, sie mit Mindestvorkommen anderer, kompensierender Baumarten zu verknüpfen. Sein Ansatz: sich von der Betrachtung einzelner Baumarten lösen und stattdessen in Waldlebensgemeinschaften denken.
FSC begrenzt in Deutschland die Einbringung nicht-heimischer Baumarten. Kurz gesagt 20 % auf Betriebsebene, max. 20 % Einbringung in Verjüngungsflächen und dann einzel-horstweise. In Wäldern mit besonderem Schutzwert (z.B. FFH- LRTs) gelten strengere Anforderungen. Ihre Tendenz: Sollten in FSC-zertifizierten Wäldern angesichts des Klimawandels künftig mehr nicht-heimische Baumarten eine Rolle spielen?
Kurz gesagt: Nein. Tendenziell sind mir die 20 Prozent zu hoch. Aber mein Ansatz ist ja vor allem, dass wir es uns im Klimawandel nicht mehr leisten können, das Ökosystem, also die Lebensgemeinschaften auszublenden. Auch wenn das für ein Zertifizierungssystem kein einfach überprüfbarer Wert ist, aber für mich muss die Einbringung nicht-heimischer Baumarten in einem Rahmen geschehen, der ökosystemverträglich ist. Ich habe für mich bisher keine Anhaltspunkte gefunden, dass man die Einbringung erhöhen könnte oder müsste, weil es neben den positiven genauso viele negative Erfahrungen gibt, von der Invasivität bis zu verschiedensten Facetten der Ökosystemveränderung. Ich befürchte, dass mit der Zunahme der nicht-heimischen Baumarten im Klimawandel noch mehr aus den Fugen gerät als wir jetzt annehmen. Ich glaube, wenn vor 100 Jahren schon jemand gesagt hätte, dass nicht-(standorts)heimische Baumarten wie die Fichte oder Kiefer nur mit einem Anteil von 20 Prozent beteiligt werden dürfen, dann hätten wir heute ganz viele Sorgen nicht.
Die aus Nordamerika stammende Roteiche ist Baum des Jahres 2025 – diese Wahl ist aus mehreren Gründen umstritten und hat eine Debatte zwischen ökologischen, forstwirtschaftlichen und klimatischen Argumenten ausgelöst. Wie bewerten Sie die Wahl?
Was ich vor allem kritisch sehe ist, dass die Ernennung einer Baumart immer ein gewisses Begehren bei den Waldbesitzenden auslöst. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass die Baumart auch Nachteile haben kann. Im Fall der Roteiche zum Beispiel die schwer abbaubare Laubstreu, die intensive Fruktifikation und damit das Ausbreitungspotenzial oder auch große standortsbezogene Unterschiede in der Qualität des Holzes.
Die Douglasie ist wahrscheinlich die nicht-heimische Baumart, auf die viele Waldbesitzende die größten Hoffnungen setzten. Teilen Sie diese positive Sicht?
Die Douglasie ist eine Baumart, die schnell und viel wächst und – das zeigen die Zahlen – deswegen auch viel Wasser braucht. Sie hat darüber hinaus eine hohe Interzeptionsleistung, das heißt, immer wenn es regnet, kommt unten wenig an. Von Baumschulen bekomme ich immer wieder die Rückmeldung, dass Douglasie vor allem in der Anwuchsphase eine extrem kritische Baumart ist. Betrachtet man die aktuelle Lage mit einem schon wieder sehr trockenen Frühling und einem schon wieder verpufften Winterniederschlag ohne Schnee, ist es absehbar, dass diese Baumart wahrscheinlich wieder viele Ausfallquoten haben wird. Man muss ja auch den wirtschaftlichen Aspekt bedenken, weil man alles nachpflanzen muss, das kostet Geld. Generell sehe ich die Douglasie als Baumart, die schnell groß und breit wird, Schatten wirft und dementsprechend auch unverträglich werden kann – auch wenn die Douglasie an sich natürlich ein wunderschöner Baum ist.
Welche Baumarten werden am meisten überschätzt/überbewertet?
Die Douglasie (lacht). Das muss man natürlich differenzieren und regional unterscheiden. Im Tessin zum Beispiel ist die Kastanie, die aktuell bei uns noch groß drin ist im Portfolio, ein Auslaufmodell. Sie hat so viele Schädlinge, dass es sie bald nicht mehr geben wird bzw. sie ist so risikoreich, dass sie dort nicht mehr eingesetzt wird. Das ist das Dilemma; die Lebensgemeinschaft einer Baumart blenden wir ja gerade noch ganz gewaltig aus bei unseren Betrachtungen. Und unsere Versuchsreihen sind noch zu kurz. Es kann sein, dass es fünf Jahre gut geht, aber im zehnten Jahr kommt irgendein Insekt und sagt „wow find ich gut“ und die Baumart ist verloren. Wie z.B. bei einem Weißtannenherkunftsversuch in der Schweiz. Nahe des Standorts stand eine Nordmanntannen-Baumschule für Christbäume. Die dort vorkommende Laus fand plötzlich auch Gefallen an den Weißtannen und innerhalb von zwei Jahren stand keine einzige mehr. Das heißt, wir kaufen uns oft auch andere Dinge mit ein und wie die sich dann mit unseren heimischen Baumarten vertragen, wissen wir nicht. Ich denke, dass das Portfolio unserer heimischen Baumarten hingegen groß genug ist, da können wir meiner Meinung nach noch aus dem Vollen schöpfen.
Welches sind für Sie – aus heutiger Sicht – die Baumarten der Zukunft? Auf welche Baumarten sollten Förster:innen setzten, um stabile Waldökosysteme zu erhalten/zu schaffen?
Wir müssen vor allem den Schalter umlegen und davon wegkommen, in Baumarten zu denken. Wir müssen in Waldlebensgemeinschaften denken: Welche Baumarten sind nicht nur ökosystemverträglich, sondern auch sozial verträglich, ergänzen sich untereinander.
Heimische Baumart aber Saatgut aus anderen Regionen: Welche Rolle können andere Herkünfte von heimischen Baumarten in der Debatte spielen?
Wir versuchen ja im Allgemeinen, Empfehlungen zu geben, welche Baumarten geeignet sein könnten. Mir wäre wichtiger, wir würden in einem ‚Beipackzettel‘ beschreiben, welche Risiken für die jeweiligen Baumarten bestehen. Dann würde klarer, dass der Pool möglicher Baumarten gar nicht so groß ist. Wenn ich eine Weißtanne aus Kalabrien hole, die dort in vielen Höhen kein Problem mit Spätfrost hat, weil es ihn da einfach nicht gibt, wird sie in Bayern oder Baden-Württemberg in Spätfrostlagen erstmal eins auf die Mütze kriegen. Das steht auch im ‚Kleingedruckten‘ drin, in der Herkunfts- und Verwendungsempfehlung, aber wie das so ist: das liest man im Allgemeinen nicht. Man liest nur ‚hippe Baumart‘ und schon geht’s los. Die Herausforderung ist, dass man aus genetischer Sicht auf der einen Seite die Angepasstheit braucht, denn z.B. Spätfröste und zwischendurch Schnee gibt es immer noch. Auf der anderen Seite brauchen wir aber die Anpassungsfähigkeit durch die genetische Bandbreite, die eine Population hat. Ich kann also Bäume aus Saatgut anderer Herkunft hierherholen, aber sobald es klimatische Änderungen gibt, kann es sein, dass es schief geht. Und auch hier hole ich nur die Baumart hierher, aber nicht deren Lebensgemeinschaft.
Mit Blick auf die Revision des FSC-Waldstandards: Es gibt Stimmen, die fordern, die 20%-Regel des Waldstandards aufzuweichen. Sie würden dem nicht zustimmen?
Genau. Ich glaube, FSC sollte sich – noch mehr als schon gemacht wird – vor allem Gedanken um noch mehr Ausschlussgebiete machen. Außerdem sollte man die Einbringung nicht-heimischer Baumarten an Mindestvorkommen anderer Baumarten festmachen und positive wenn-dann-Bedingungen formulieren. Als Beispiel: man darf 20 Prozent einbringen, wenn 80 Prozent der Baumart X und Y dabei sind, die kompensierend wirken, etwa in Bezug auf Laubstreuabbaubarkeit oder Wasserdurchlässigkeit.
Der deutsche FSC-Standard malt schwarz-weiß – heimisch vs. nicht-heimisch. Halten Sie diese Unterscheidung für angemessen oder sollte weiter differenziert werden?
Die Diskussion ist ja vor allem immer, wo man die Grenze zieht. Wie lange muss eine Baumart hier vorkommen, bis sie als heimisch gezählt wird. Für mich ist nach wie vor wichtig zu differenzieren, ob eine Baumart hier mittlerweile ihr Umfeld, ihre Lebensgemeinschaft integrativ entwickelt hat. Deswegen sollte man hier meiner Meinung nach weiterhin sauber trennen und braucht nicht weiter differenzieren.
****************
Ein Thema – verschiedene Sichtweisen
„Wir sollten viel mehr ausprobieren“
Klaus Echle sieht mit einem weiteren Anstieg der Durchschnittstemperaturen um nur einen halben Grad erhebliche Probleme auf heimische Baumarten zukommen. In diesem Zusammenhang hält er es für notwendig, die derzeitige FSC-Vorgabe von max. 20 % nicht-heimischer Baumarten zu überdenken und gegebenenfalls zu lockern. Zudem plädiert er dafür, bislang wenig beachteten einheimischen Baumarten wie der Aspe mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Über die Bewirtschaftung nicht-heimischer Baumarten am Beispiel der Douglasie und Roteiche im Stadtwald Freiburg
>> zur Reportage mit Klaus Echle
