Deutschland | 2025
„Wir sollten viel mehr ausprobieren“
Revierförster Klaus Echle über die Bewirtschaftung nicht-heimischer Baumarten am Beispiel der Douglasie und Roteiche im Stadtwald Freiburg
Die Einbringung nicht-heimischer Baumarten in den Wald wird kontrovers diskutiert. Befürworter sehen in Baumarten wie der Douglasie oder Roteiche eine Möglichkeit zur Stabilisierung der Wälder in Zeiten des Klimawandels, da sie als widerstandsfähiger gegenüber Trockenheit und Schädlingen gelten. Andererseits befürchten Kritiker, dass die nicht-heimischen, z.T. als invasiv eingestuften Arten heimische Ökosysteme negativ beeinflussen und Lebensräume für spezialisierte Flora und Fauna verloren gehen. Wie sieht es in der Praxis aus? Wir haben uns dazu mit Klaus Echle unterhalten. Er ist Revierförster im FSC-zertifizierten Stadtwald Freiburg, der 1999 der erste Forstbetrieb in Baden-Württemberg war, der sich von unabhängiger Stelle nach diesem anspruchsvollen Standard zertifizieren ließ.
© FSC Deutschland
Es ist Anfang März, Revierförster Klaus Echle steht in den letzten Schneeresten im Bergwald von Günterstal bei Freiburg und beschreibt die örtliche historische Entwicklung des aus Nordamerika stammenden Nadelbaums Douglasie. Die nicht-heimische Baumart spielt heutzutage vor allem in den Bergwaldgebieten Freiburgs eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Doch das war nicht immer so. „Dass man sich damals für Douglasie entschieden hat, war weniger wirtschaftlich bedingt, sondern den damaligen gesellschaftlichen Gegebenheiten geschuldet.“ Sich mit fremden Arten auszukennen habe als schick gegolten und Ästhetik spielte eine große Rolle. „Man hat Fremdländer in den Wald eingebracht, um den Wald aufzuhübschen.“, erklärt Echle. Manche Arten seien hier eingegangen, andere hätten gut funktioniert und wurden entsprechend etabliert, wie eben die Douglasie. „Als sie vor 120 bis 140 Jahren bei uns in Freiburg eingebracht wurde, ist das nicht flächig passiert, sondern man hat sie einzeln eingebracht. “, so der Revierförster. ‚Abrasiert und douglasiert‘, wie es so schön heiße, sei erst das Phänomen der Nachkriegszeit gewesen. Deswegen sei die Douglasie in Freiburg zwar präsent aber nicht flächig dominant.
Und wie sieht es mit dem Baum des Jahres 2025, der Roteiche, aus? Auch diese nicht-heimische Baumart sei in Freiburg vertreten, allerdings überwiegend in den Revieren der Freiburger Ebene wie z.B. Mooswald.
„Die Douglasie wird unterschätzt“
Entgegen damaliger Sichtweisen wird die Einbringung nicht-heimischer Baumarten heutzutage kontrovers diskutiert. Kritikerinnen und Kritiker befürchten u.a. einen Verlust von Habitaten für die heimische Flora und Fauna, an manchen Standorten verhalten sich die Baumarten auch invasiv. Wie ist die Lage in Freiburg? „Die Douglasie wird meiner Meinung nach unterschätzt. Sie ist nicht so artenarm wie allgemein gesagt wird“, sagt Förster Echle
Die Rindentaschen seien zum Beispiel optimale Mikrohabitate, die wiederum dem Baumläufer optimale Nahrungsquellen und Brutplätze böten. Für wirklich aussagekräftige Angaben bedürfe es jedoch einer intensiveren Kronenforschung, so seine Einschätzung. Mit Blick auf die Artenvielfalt an der Roteiche hebt er die Hirschkäfer im Bereich der Wurzelstöcke hervor, sowohl im Larven- als auch im adulten Stadium, „die Zahl hat hier enorm zugenommen“. Allerdings sei die Roteiche kritischer in der Naturverjüngung, da sie auf manchen Standorten so vitale Naturverjüngung hervorbringe, dass es schwierig sei, dort andere Baumarten außer der Hainbuche in der Mischung zu halten. Aus wirtschaftlicher Perspektive ist sie neben der Esche und der Stieleiche die wichtigste Baumart im Freiburger Mooswald: „Sie ist trockentolerant und besitzt eine hohe Wachstumsrate, 40 Prozent mehr gegenüber der Stileiche.“ Auch die Douglasie sei bisher überwiegend resistent gegenüber den extremen Trockenperioden geblieben: „Aus der Rheinebene haben wir von enormen Ausfällen gehört. Hier jedoch betrachten wir die Entwicklung zwar mit Sorge, bisher ist der Ernstfall jedoch nicht eingetreten.“ Natürlich gibt es auch Bestände, wo Echle die Douglasie kritisch sieht, zum Beispiel auf trockenen Felsstandorten, Blockhalden oder ähnlichem, „da nehmen wir die Douglasie auch immer wieder zurück.“ Insgesamt bewertet der Freiburger die Entscheidung seiner Vorgänger in Bezug auf die Douglasie bisher jedoch positiv, das bestätigen auch die Zahlen: Der Anteil der Douglasie im Freiburger Stadtwald beträgt 20 Prozent, mit einem Volumen von 30 Prozent und damit 40 Prozent des Erlöses, die diese Baumart mit sich bringt. „Sie ist unser Brotbaum“, resümiert der Förster, während er den Blick am Baumstamm entlang gen Himmel richtet – bis zu 70 Meter hoch wird der volumenreiche Nadelbaum.
Die Rindentaschen der Douglasie bieten optimale Mikrohabitate, die wiederum dem Baumläufer optimale Nahrungsquellen und Brutplätze bieten. © FSC Deutschland
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FSC-Vorgaben zukunftsfähig gestalten
FSC beschränkt in seinem Waldstandard die Einbringung von nicht-heimischen Baumarten. Bei Verjüngungsmaßnahmen können sie auf max. 20 % der Verjüngungsfläche einzel- bis maximal horstweise durch Pflanzungen eingebracht werden. Diese Vorgaben, allen voran die maximal horstweise Einbringung kritisieren Anwenderinnen und Anwender zunehmend. Mit Blick auf die anstehende Revision des Deutschen FSC-Waldstandards fordern sie eine entsprechende Überarbeitung der Indikatoren. Wie sieht der Freiburger Förster das, fühlt er sich durch die Regelung eingeschränkt? Seine Antwort ist ein klares Jein. Er pflanze die Douglasie beispielsweise nicht künstlich an und Schattbaumarten wie Buche oder Tanne würden ihre Naturverjüngung aktuell im angemessenen Rahmen halten. Mit Blick in die Zukunft und auf nicht-heimische Baumarten generell fällt sein Urteil jedoch differenzierter aus. Die Feldulme sei verloren gegangen, die Bergulme sei nicht mehr da. Aktuell befinde sich die Esche im Niedergang, der Bergahorn werde vermutlich aufgrund der Rußrindenkrankheit ausfallen und die Tanne verschwinde. „Wenn die Durchschnittstemperaturen nochmal um einen halben Grad steigen, dann werden wir wahrscheinlich ein massives Problem mit den eigenen Baumarten bekommen und dann muss man diese 20 Prozent in Frage stellen. Für die Zukunft würde ich diese Vorgabe an Stelle von FSC lockern.“ Darüber hinaus sollten bisher wenig berücksichtigten heimischen Baumarten wie der Aspe mehr Beachtung geschenkt werden.
Vielfältigere Bewirtschaftung
So fällt auch die Antwort Echles auf die Frage, welche Baumarten Försterinnen und Förster einsetzen sollten, um stabile Waldökosysteme zu erhalten und zu schaffen, entsprechend gemischt aus – im wahrsten Sinne des Wortes: „Ich glaube, wir sollten viel mehr ausprobieren. Die wenigsten Firmen überleben, wenn sie nicht innovativ sind. Auch wir müssen ein bisschen mutiger werden.“ Die Mischung der Baumarten spiele die entscheidende Rolle – oder wie er verbildlicht: „Wir sollten ein möglichst breites Kartenblatt bei diesem Spiel auf der Hand haben.“
Text: Annika Burger
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Ein Thema – verschiedene Sichtweisen
„Wir sollten das Kleingedruckte lesen“
Prof. Hussendörfer sieht in der vermehrten Einbringung nicht-heimischer Baumarten keine Lösung. Sie bergen Risiken für die Ökosystemverträglichkeit, die man nicht im Griff habe. Für eine Deckelung wie im Waldstandard sieht er die Notwendigkeit, sie mit Mindestvorkommen anderer, kompensierender Baumarten zu verknüpfen. Sein Ansatz: sich von der Betrachtung einzelner Baumarten lösen und stattdessen in Waldlebensgemeinschaften denken.
Vermehrte Einbringung nicht-heimischer Baumarten – ein nicht kontrollierbares Risiko
>> Zum Interview mit Prof Hussendörfer
