3 Dez., 2025

Arbeitssicherheit –

Konflikt mit Naturschutz und Wirtschaftlichkeit?

Ergebnisse des siebten FSC-Walddialogs

Am 6. und 7. November diskutierten Fachleute aus Wissenschaft und Praxis die Frage, welche Zielkonflikte zwischen Arbeitssicherheit, Naturschutz und Wirtschaftlichkeit entstehen und wie man diesen begegnen kann. Im Mittelpunkt standen Herausforderungen, die der naturnahe Waldbau für die Arbeitssicherheit bringt, Umgang mit den Gefahren von Biotop- und Totholz, Einfluss von Rückegassenabständen auf das Unfallgeschehen sowie Qualifizierung durch das European Chain Saw Certificate (ECC). Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Stadt Uelzen und der Gewerkschaft IG BAU im Rahmen der FSC-Walddialoge statt. Die Reihe wird seit zwei Jahren veranstaltet, um mit Blick auf die Revision des Deutschen FSC-Waldstandards kritische Themen mit Mitgliedern, Experten und Praktikern zu diskutieren und auf Überarbeitungsbedarf hin zu analysieren.

Arbeitssicherheit spielt in bewirtschafteten Wäldern eine zentrale Rolle. Dank moderner Fälltechniken hat die Zahl der forstlichen Arbeitsunfälle deutschlandweit in den letzten Jahren jedoch kontinuierlich abgenommen, um nun auf einem niedrigen Niveau zu stagnieren, wie Zahlen von KWF (Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik) und SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau) zeigen. Doch auch Präventionsmaßnahmen wie Qualifikation der Waldarbeitenden spielen dabei eine zentrale Rolle, so zum Beispiel das im FSC-Standard geforderte Europäische Motorsägenzertifikat (ECC). Leider sei die Zahl der Anfragen für eine ECC-Qualifizierung aktuell höher als die Ausbildungskapazitäten, wie Herr Franz, ECC-Experte bei der KWF, erklärte. Die hohe Nachfrage entsteht u.a. aus der klaren Forderung im Deutschen FSC-Standard nach einer entsprechenden Qualifikation für alle gewerblich Tätigen, die eine Motorsäge in der Waldarbeit führen.

Interessenausgleich Naturschutz und Waldbesitzende

Auf dem Prüfstand standen auch die Indikatoren 10.10.6, 10.10.7 und 10.10.12 des FSC-Waldstandards. Relevant hier sind v.a. die geforderten maximalen Befahrungsprozente von 13,5 % der bewirtschafteten Holzbodenfläche. In der Praxis ergibt sich daraus ein durchschnittlicher Rückegassenabstand in FSC-zertifizierten Wäldern von 40 m auf zwei Drittel der Holzbodenfläche und 20 m auf dem verbleibenden Drittel. Der Gesetzgeber mache hierzu klare Aussagen, wie Thies von Koppen, Experte für Forstprävention bei der Berufsgenossenschaft SVLFG verdeutlichte: „Gemäß der sozialen Nachhaltigkeit gilt es, die humanste und sicherste Arbeitsmethode zu wählen. Je mehr manuelle Arbeit durch den Menschen gemacht wird, desto größer die Unfallgefahr. Größere Gassenabstände bedeuten somit eine größere Gefährdung des Menschen.“ In der Diskussion wurde deutlich, dass zur sozialen Nachhaltigkeit auch der Wunsch vieler Forstwirt:innen Beachtung finden muss, in der motormanuellen Holzernte zu arbeiten. Auch wurde deutlich, dass es einen Interessenausgleich geben muss zwischen den berechtigten Ansprüchen des Naturschutzes und der Waldbesitzenden, die sich aus dem Boden- und Wasserschutz und entsprechender gesetzlicher Vorgaben ergeben.

Einsatz kleiner Forstraupen – mehr Flexibilität gewünscht

Gemäß dem Arbeitsschutzgesetz müssen technische Möglichkeiten ausgereizt werden. Dazu gehören beispielsweise seilwindenunterstütze Verfahren und ferngesteuerte Fällkeile. Kleinraupen können gegenüber klassischen forstlichen Schleppern eine gute Alternative sein und diverse Vorteile bieten. Und jenseits der Gasse? Der aktuelle FSC-Standard definiert Befahrung als jene von Fahrzeugen mit Eigenantrieb und mehr als einer Achse bzw. mit Ketten. Daraus ergibt sich, dass u.a. forstliche Maßnahmen wie der Einsatz von Rückeraupen abseits der Erschließung sowie Flächenräumung und Mulchen z.B. auf Sturmwurfflächen in FSC-Betrieben nicht möglich sind. Aus FSC-Sicht gibt es derzeit nur die Möglichkeit der Freilegung des Mineralbodens und entsprechender Befahrung, wenn eine Rohhumusauflage die Verjüngung heimischer Baumarten nicht erlaubt und weitere Anforderungen erfüllt sind (Wildverbiss und Pferdeeinsatz ausgeschlossen). Von einigen Teilnehmenden wurde eine flexiblere Gestaltung der FSC-Regeln gefordert. Der Einsatz müsse auch in FSC-zertifizierten Wäldern in bestimmten Situationen erlaubt werden. „Weg von den Prozenten, hin zu klar definierbaren Kennzahlen, wann ein Boden kleinraupenbefahrbar ist“, lautet so auch die Devise von Bernward Welschof, SmartSkidder-Entwickler der Firma Suffel, der die Arbeit mit dieser kleinen Forstraupe erläuterte. In anderen Ländern gäbe es diese Kriterien bereits, so zum Beispiel das in der Schweiz angewandte Simulationsmodell Terranimo für die Berechnung des Bodenverdichtungsrisikos beim Einsatz von land- und forstwirtschaftlichen Fahrzeugen.

Konflikt durch hohes Anspruchsdenken

In diesen Punkten flexibler gestaltet ist das Programm zur Langfristigen Ökologischen Waldentwicklung, kurz LÖWE, der niedersächsischen Landesforsten. Auch mit 20 m Rückegassenabständen sei bodenschonendes Wirtschaften möglich, so die Botschaft von Paul Ueckermann, Sachgebietsleitung Waldarbeit und Forsttechnik der Niedersächsischen Landesforsten. Befürchte man damit nicht den Verlust der verfügbaren Waldwirtschaftsfläche durch die engeren Rückegassenabstände, so die Frage Dietmar Hellmanns, Wirtschaftskammervorstand von FSC Deutschland. Doch Ueckermann konterte: sei die Beanspruchung und damit Belastung des Bodens bei einem größeren Abstand auf die einzelne Gasse bezogen nicht höher? Er betonte in diesem thematischen Zusammenhang, dass auch in Wäldern der niedersächsischen Landesforsten der Einsatz von Kleinraupen zur Holzernte und Holzbringung nur auf den Rückegassen gestattet sei. Zur Sprache brachte er darüber hinaus das Thema der Habitatbäume (FSC fordert zehn pro ha, LÖWE fünf). Um das Unfallrisiko durch stehendes Totholz – auch angesichts zunehmender Extremwettereignisse – zu minimieren, sollten bevorzugt Habitatbaumflächen ausgewiesen werden und nicht „schrotschussartig“ einzeln verteilte Bäume. Er schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Von der Arbeitssicherheit an sich kann kein Konflikt ausgehen. Wenn es einen Konflikt gibt, dann durch das hohe Anspruchsdenken an Wirtschaftlichkeit und Naturschutz.“

Alle Perspektiven im Blick behalten

„Einzeln betrachtet, sind alle Aspekte und Argumentationen in sich schlüssig“, resümierte Elmar Seizinger, Leiter Waldbereich bei FSC-Deutschland den bisherigen Diskussionsverlauf. „Dennoch müssen wir als FSC unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden und den Balanceakt zwischen den drei Nachhaltigkeitssäulen meistern.“ Neben Wirtschaft und Sozialem sei dies auch der Umwelt- und Naturschutz. „Argumentiert man ausschließlich mit dem Arbeitsschutz, müsste man in letzter Konsequenz die Forstwirtschaft einstellen.“

Dass dieser Balanceakt möglich ist, zeigte die Waldexkursion am Folgetag. Neben praktischen Ausführungen der SVLFG skizzierte Herr Göllner, Leiter des städtischen Eigenbetriebs Stadtforst Uelzen, deren seit 25 Jahren erfolgreiches Forstmanagement mit FSC-Zertifikat. Anschaulich vorgestellt wurde die Arbeit gemäß moderner motormanueller Fälltechniken, die im Stadtwald der Hansestadt einhergehen mit bodenschonenden Techniken wie dem Holzrücken mit dem Pferd.

Diskussionsbedarf: Rückegassenabstände und „13,5%-Regel“

Der siebte FSC-Walddialog hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig gute Kompromisse zwischen den verschiedenen Ansprüchen des Waldmanagements sind. Die Revision des Waldstandards wird am Ende Antwort darauf geben. Bedarf, diesbezüglich noch weiter einzutauchen, gibt es im Bereich des Themas Rückegassenabstände und „13,5 %-Regel“. Vielleicht gibt es Alternativen zu der Regel, die sich im Großen und Ganzen bewährt hat – so zumindest die Rückmeldung vieler FSC-zertifizierter Forstbetriebe. Beim Thema Einsatz kleiner Forstraupen hingegen konnte eine weitgehende Einigkeit erkannt werden, im Sinne einer Anpassung an die Entwicklung der Technik zu Lockerungen aus FSC-Sicht zu kommen. Wie dies aus Sicht des im FSC engagierten Umweltschutzes mit einer Stärkung des Bodenschutzes vereinbar ist, werden die Mitglieder des FSC im Rahmen der Standardrevision gemeinsam erörtern können. Weniger diskutiert wurde der Aspekt Wasserrückhalt und vermehrter Oberflächenabfluss durch Rückegassen, auch diesen gilt es im Auge zu behalten.

Annika Burger