15 Juni, 2026

„Widerstandsfähiger als gedacht“: FSC in der Ukraine funktioniert – auch unter Beschuss

Ein Gespräch über Resilienz, Zertifizierung in Kriegszeiten und die Frage, wie ukrainisches Holz Europa beim Klimaschutz helfen kann.

Yevhenii Khan ist seit mehr als zehn Jahren für FSC Ukraine tätig, derzeit als Chain-of-Custody- und Integrity-Manager. Außerdem lehrt er an der National University of Life and Environmental Sciences of Ukraine in Kiew, wo er 2021 seinen Doktortitel erhielt. Gemeinsam mit dem fünfköpfigen Team von FSC Ukraine meistert er während des andauernden Angriffkrieges eine Situation, für die es kein Handbuch gibt.

Seit dem groß angelegten Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 musste FSC Ukraine wiederholt unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten und zeitweise sogar während Luftangriffen aus Schutzräumen heraus agieren. Was haben Sie in dieser Zeit über Ihr Team gelernt?

Dass wir und die Menschen um uns herum widerstandsfähiger sind, als wir es jemals für möglich gehalten hätten. Menschen passen sich an – das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis. Wenn jemand keinen Strom und keine Internetverbindung hat, und es dennoch schafft, seine Arbeit zu erledigen, zeigt das ein Maß an Flexibilität, von dem wir nicht wussten, dass wir es haben. Vor dem Krieg lebten wir im Luxus festgelegter Abläufe. In Kriegszeiten werden Entscheidungen innerhalb von Stunden getroffen, nicht innerhalb von Wochen. Das verändert die Arbeitsweise einer Organisation.

Der Krieg hat auch unsere Sichtweise auf die FSC-Zertifizierung verändert. Vielleicht haben wir sie früher zu sehr als Marketinginstrument betrachtet – als Nachweis für die Exportmärkte in Europa. Aber wenn man sieht, wie Menschen mit der Realität des Krieges umgehen, erkennt man ihren wahren Wert: Die Zertifizierung unterstützt die Wirtschaft des Landes und verbessert die Arbeitsbedingungen in der Branche, nicht nur den Zustand des Waldes.

Mitten im Krieg entwickelt sich FSC Ukraine von einer FSC-Vertreter-Organisation zu einem eigenständigen, von Mitgliedern geführten FSC-Netzwerkpartner. Warum ausgerechnet jetzt?

Weil das alte Modell den neuen Herausforderungen nicht mehr gerecht wird. Wir brauchen eine solidere Grundlage für die Vertretung von FSC in der Ukraine, als dies bisher der Fall war. Die neue Struktur mit Mitgliedern und Vorstand stärkt die Entwicklung und Umsetzung der FSC-Strategie im Land deutlich.

Zugleich ist der EU-Beitritt der Ukraine kein abstraktes Ziel mehr; die Beitrittsverhandlungen laufen bereits. Das eröffnet uns neue Chancen und Handlungsspielräume. Natürlich bringt die Rolle als Netzwerkpartner auch mehr Bürokratie, zusätzliche Prozesse und höheren Aufwand mit sich. Aber es ist der richtige Schritt.

Ukrainisches, FSC-zertifiziertes Holz ist auf dem europäischen Markt erhältlich – zuverlässig und geprüft. Dennoch zögern einige deutsche Käufer wegen der Unsicherheiten durch den Krieg. Was entgegnen Sie ihnen?

Ich kann diese Bedenken nachvollziehen, aber meine Antwort ist klar: Die Ukraine verfügt über ein elektronisches System zur Nachverfolgung von Forstarbeiten, und dieses funktioniert auch unter Kriegsbedingungen.

Natürlich werden bei Audits in jedem Land Unternehmen identifiziert, die Anforderungen nicht vollständig erfüllen. Genau das zeigt jedoch, dass das Kontrollsystem greift und wirksam ist. Die große Mehrheit der Betriebe arbeitet verantwortungsbewusst und erfüllt nicht nur gesetzliche Vorgaben, sondern geht oft darüber hinaus.

Dass heute nicht mehr alle vor 2022 zertifizierten, ukrainischen Unternehmen zertifiziert sind, ist daher kein Zeichen für Schwäche – im Gegenteil: Es belegt, dass das System konsequent arbeitet. Zertifizierte Flächen werden regelmäßig überprüft, und wo Sicherheitsrisiken den Zugang verhindern, werden Zertifikate ausgesetzt.

Zudem befinden sich die meisten zertifizierten Wälder in der Zentralukraine – also in Regionen, die sicher und zugänglich sind. Ukrainisches FSC-zertifiziertes Holz ist verfügbar, überprüft und vertrauenswürdig. Wer noch zögert, sollte sich fragen: Worauf warte ich eigentlich?

Die ukrainische Regierung plant, beim Wiederaufbau massiv auf Holz statt auf Beton und Stahl zu setzen. FSC-zertifiziertes Holz soll dabei eine zentrale Rolle spielen. Könnte die Ukraine damit zu einem Vorzeigeprojekt für klimafreundliches Bauen in Europa werden?

Das Potential ist da, aber wir müssen pragmatisch bleiben. Ukrainische Organisationen sind bereits Partner der New European Bauhaus Initiative der Europäischen Union. Architekten und Bauträger haben verstanden, dass Holzbau nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Entscheidung ist. Wie wir Holz nutzen – ob als Baumaterial oder als Energiequelle – ist zudem entscheidend für die Kohlenstoffspeicherung, und genau beim Wiederaufbau wird diese Entscheidung getroffen.

Deshalb haben wir letztes Jahr eine Fachreise für zertifizierte Holzlieferanten, Architekten und Journalisten organisiert, um zu zeigen, was möglich ist.

Aber ein Wandel dieser Größenordnung kann nicht in ein oder zwei Jahren geschehen. Das ist ein langfristiges Projekt. Und es braucht Unterstützung – nicht nur Absichtserklärungen.

Blicken wir in die Zukunft: Wie sollen die ukrainischen Wälder in zwanzig Jahren aussehen?

Gemischt. Naturnah. Widerstandsfähig. Ohne Monokulturen.

An der National University of Life and Environmental Sciences entwickeln wir derzeit Leitlinien und geben bewährte Verfahren aus Europa für eine naturnahe Forstwirtschaft weiter, um das staatliche Forstwirtschaftssystem schrittweise umzugestalten. Der Prozess ist nicht einfach, aber es lohnt sich, diejenigen zu unterstützen, die dieses Konzept in die Praxis umsetzen. Die Natur muss sich an den Klimawandel anpassen, und unsere Waldbewirtschaftungspraktiken müssen dies widerspiegeln.

Wissenschaft und Wirtschaft müssen bei dieser Transformation Seite an Seite und gemeinsam mit der Gesellschaft arbeiten. Und ich hoffe, dass Forscher ihre Erfahrungen in diese Transformation einbringen können. Gesunde Wälder und eine gesunde Gesellschaft gehen Hand in Hand.

Franziska Becker