Ein Wald erzählt vom Ersten Weltkrieg

FSC-zertifizierter Bukta-Wald in Litauen fördert den Erhalt einer deutschen Grabstätte

Zusammenfassung

Der FSC-zertifizierte Bukta-Wald in Litauen bewahrt seit über 100 Jahren die letzte Ruhestätte deutscher Soldaten des Ersten Weltkriegs. Zwischen dichtem Gestrüpp und Wildblumen sind 45 Grabsteine angeordnet, die an die Opfer der Kämpfe an der Ostfront 1914–1915 erinnern. Der Wald ist nicht nur ein wichtiger Lebensraum für geschützte Arten, sondern auch ein bedeutendes kulturelles Erbe, das durch verantwortungsvolles Forstmanagement geschützt wird. FSC-zertifizierte Maßnahmen sorgen für den Erhalt und die Zugänglichkeit der Grabstätte, darunter das Freihalten von Wegen und die Stabilisierung des Bodens mit heimischen Bäumen. Lokale Gemeinschaften und insbesondere Schüler:innen werden aktiv in die Pflege und Erforschung eingebunden, was das Bewusstsein für die Geschichte und Bedeutung der Stätte fördert. Der Bukta-Wald steht exemplarisch für FSC-Prinzip 9, der Wälder mit besonderen Schutzwerten – darunter kulturelle Stätten – besondere Aufmerksamkeit widmet. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Akteur:innen und Organisationen wie dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wird sichergestellt, dass die Erinnerung an die Gefallenen lebendig bleibt und zukünftige Generationen Zugang zu diesem wichtigen Teil der Geschichte haben.

Die ganze Story lesen...

Tief im Wald, unter Wurzelwerk und Moosgeflechten, verstecken sich historische Artefakte aus vergangenen Zeiten. Manche werden gepflegt, während andere in Vergessenheit geraten. Seit mehr als 100 Jahren beherbergt der Bukta-Wald in Litauen die letzte Ruhestätte von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Zeit, ihre Geschichte zu erzählen.

Der FSC-zertifizierte Bukta-Wald ist nicht nur ein wichtiger Lebensraum für viele geschützte Arten. Direkt am Waldrand, hinter dem dichten Gestrüpp, sind 45 sonnenbeschienene Grabsteine in einer Kreisformation angeordnet. Sie fallen auf dem bewachsenen Waldboden zwischen den umliegenden Wildblumen kaum auf. Es ist die letzte Ruhestätte von Soldaten des deutschen Kaiserreichs, die 1915 an der Front im Ersten Weltkrieg gefallen sind.

Der große Krieg

Der Bukta-Wald und seine Umgebung gehörten zu den ersten Orten, die die Schrecken des Ersten Weltkriegs in Litauen bezeugten. Im späten 18. Jahrhundert wurde das Gebiet zwischen dem deutschen und dem russischen Reich aufgeteilt. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die hier lebenden Menschen gezwungen, gegeneinander zu kämpfen. Aus enger Nachbarschaft wurde Feindschaft.

Zwischen August 1914 und dem Sommer 1915 war die Region das Epizentrum der Kämpfe an der Ostfront. Eine der Schlachten wurde im Bukta-Wald ausgetragen. Die Soldaten des Deutschen Kaiserreichs bestatteten vor Ort auch ihre gefallenen Kameraden und markierten den Ort mit Grabsteinen, die heute noch das Waldbild prägen.

Konservierung durch Forstmanagement

Der Bukta-Wald wird vom litauischen Staat verwaltet und ist seit 2017 FSC-zertifiziert. „Als dieser Wald in unsere Obhut übergeben wurde, haben wir die Verantwortung für seine Natur- und Kulturgüter übernommen“, erinnert sich Arūnas Pranaitis, leitender Ökologe des Biosphärenparks Žuvintas. „Wir wollten unseren Beitrag dazu leisten, dass die Menschen nicht vergessen werden, die hier gestorben sind.“

Konservierung durch Forstmanagement

Zu den schützenden Maßnahmen gehören die Bereinigung der Umgebung von Büschen, Zweigen und Bäumen, die Besucherinnen und Besucher beeinträchtigen oder verletzen könnten. Die Grabsteine selbst müssen sichtbar und vor dem Auseinanderfallen geschützt sein. Um den Boden zu schützen, setzen die Förster auf heimische Baumarten, die den Grund mit ihrem Wurzelwerk stabilisieren. Damit sind die historischen Grabstätten leicht zugänglich und können gefahrenlos besichtigt werden.

Neugierige Besucher

„Bei der Planung wollten wir die Menschen vor Ort einbeziehen. Wir hielten es für sinnvoll, wenn Schüler von hier Informationen über die Begräbnisstätte und ihre Geschichte zusammentragen“, sagt Arūnas. Sigita Dzimijonienė, Biologielehrerin am Kazys-Boruta-Gymnasium, und ihre naturbegeisterten Schüler:innen stellten sich der Aufgabe. „Die Herausforderung bestand darin, die auf den Grabsteinen geschriebenen Informationen zu sammeln. Damals waren die Schüler und Schülerinnen erst in der 6. Klasse. Soldaten im Krieg waren für sie in erster Linie ein Gedankenspiel. Heute ist das leider unsere Realität, und ihre Beziehung zum Krieg hat sich geändert“, sagt Sigita.

Die Gräber waren nur schwer zugänglich, als die Schulklasse die Arbeit aufnahm. Gemeinsam mit den Förstern befreiten sie das Gebiet von Ästen und Blättern. Die Grabsteine zu entziffern nahm einige Zeit in Anspruch: Zunächst entfernten die Schüler:innen das Moos mit Hammer und Meißel. Dann brachten sie die deutschen Schriftzeichen zu Papier und erstellten eine Liste mit den Namen der Soldaten, ihren Dienstgraden, Bataillonen und Sterbedaten. Diese Informationen wurden später verwendet, um die Stätte als Kulturerbe zu registrieren.

Besondere Schutzwerte

In Prinzip 9 des FSC-Standards ist festgelegt, dass Wälder mit besonderen Schutzwerten (engl.: High Conservation Value, HCV) besonderen Auflagen unterliegen. HCVs sind bedrohte Arten, Landschaftsökosysteme, seltene Lebensräume, unverzichtbare Ökosystemleistungen, Ressourcen der indigenen Bevölkerung und kulturell signifikante Werte. Mindestens einmal jährlich wird der Zustand der HCVs kontrolliert.

Ob ein Wald über HCVs verfügt, wird im Austausch mit den lokalen Stakeholdern ermittelt. Kriegsgräber wie im Bokta-Wald gehören zu den kulturellen Schutzwerten (HCV 6), denn sie sind durch das Völkerrecht geschützt und mahnen vor den Schrecken des Krieges. Solche Erinnerungsstätten sind von unverzichtbarer Bedeutung für das gesellschaftliche Erbe der lokalen Bevölkerung. Ihr Verlust hätte schwere Konsequenzen für die Traditionen, die religiösen Bräuche, die wirtschaftliche Struktur oder die Naturnutzung durch die Bevölkerung vor Ort.

Der Wald als lebendiges Archiv

Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurden in Bukta und anderen Wäldern landesweit zahlreiche weitere historische Stätten eingerichtet. Gräber ausländischer Soldaten und einheimischer Freiheitskämpfer, unterirdische Zollstellen und Bunker derjenigen, die gegen die sowjetische Besatzung kämpften – das Echo des 20. Jahrhundert hallt noch immer durch den Wald.

Mit Unterstützung der Menschen vor Ort trägt FSC dazu bei, an Litauens Vergangenheit zu erinnern und Orientierung für die Zukunft zu geben. Im Fall der Grabstätte Bukta wurde die Liste der Namen der Soldaten an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge übermittelt. Die NGO unterhält eine Datenbank über deutsche Soldaten, die außerhalb der Landesgrenzen begraben wurden, damit die Nachkommen der Vermissten ihre letzte Ruhestätte selbst ein Jahrhundert später noch ausfindig machen können.