Russland/Karelien

FSC und boreale Wälder (© Istock.com)© Istock.comHintergrund:
In Russland liegt mit knapp 30 Millionen Hektar etwa ein Fünftel der gesamten FSC-zertifizierten Waldfläche weltweit (Stand: Juli 2012). Die Wälder in Russland/Karelien gehören größtenteils zu den borealen Wäldern, einem Ökosystem, das gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist als etwa unsere mitteleuropäischen Wälder. Typisch sind u.a. das großflächige Vorkommen von natürlichen Monokulturen, regelmäßige Schadereignisse durch Insekten oder natürliche Feuer. Deshalb gehört das Entstehen großer Kahlflächen zur natürlichen Dynamik dieser Wälder.

Aufgrund der ökosystemaren Bedingungen – und auch der wirtschaftlichen Anforderungen an diese Wälder – unterscheidet sich die Waldbewirtschaftung in diesen Gebieten erheblich von der deutschen Tradition der Waldbewirtschaftung: Während in Russland/Karelien großflächige Rodungen von Wald zur industriell geprägten Waldnutzung gehören, steht in Deutschland eher die Behandlung des Einzelbaumes oder kleiner Baumgruppen im Fokus. Auch der FSC berücksichtigt dies in seinem nationalen Waldstandard für Russland/Karelien.

Kritik:
Dieser Unterschied in der forstlichen Tradition hat in der Vergangenheit zu wiederkehrenden Medienberichten über Unternehmen geführt, die z.B. in Karelien Wald gemäß des nationalen FSC-Standards bewirtschaften. Namentlich das IKEA-Tochterunternehmen Swedwood stand heftig in der Kritik. Der Vorwurf lautete, dass Swedwood großflächig Kahlschläge in besonders schützenswerten Wäldern betreibe.

Erklärung:
Dieser Fall zeigt, dass beim FSC das Gesetz des Örtlichen greift und ein nationaler Standard basierend auf dem Konsens der jeweiligen Interessengruppen entsteht. Bei der Festlegung der Regularien zur Waldbewirtschaftung in Karelien wurden relevante Vertreter aus dem Bereich Wirtschaft, Umwelt und Soziales miteinbezogen. Auf Basis ihres kulturellen Hintergrunds entschieden sie, Kahlschläge als eine Art der Waldbewirtschaftung für karelische Wälder zu akzeptieren. Für uns als Deutsche mag dies – mit unserem Wald- und Umweltverständnis – schwer vereinbar sein. Dennoch ist diese Entscheidung aus Respekt vor demokratischen Prozessen und kultureller Identität zu akzeptieren. Der FSC-Standard in Karelien ist deswegen nicht weniger streng oder schlechter zu bewerten als z.B. in Deutschland; er berücksichtigt lediglich andere lokale Voraussetzungen.

Für die Waldbewirtschaftung in Russland und Karelien bedeutet der FSC-Standard eine fundamentale Änderung im Vergleich zur konventionellen Forstwirtschaft: Erstmalig findet eine Inventur von besonders schützenswerten Waldgebieten statt, die gegebenenfalls aus der Nutzung genommen werden. Ein Totalschutz ist jedoch nicht die zwingende Konsequenz – auch in besonders schützenswerten Wäldern können Fällungen stattfinden. Entscheidend ist, dass sich der Waldzustand auf Landschaftsebene nicht verschlechtert.

Eine Änderung des Standards ist zudem jederzeit bzw. alle fünf Jahre während der vorgeschriebenen Revision möglich. Die einzelnen Interessengruppen können hier ihre Wünsche einbringen, die – die Akzeptanz aller vorausgesetzt – in die Regularien mitaufgenommen werden.


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