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Freitag, 24 September 2021
#AllesfuersKlima

Antonia Messerschmitt (© Günther Strauß)© Günther Strauß

Wir haben mit der Fridays for Future Bewegung über die Forderungen der jungen Gerneration an den Wald gesprochen: Im Interview Antonia Messerschmitt.


Fridays for Future steht für Klimagerechtigkeit und eine lebenswerte Zukunft. Welchen Stellenwert hat Forstwirtschaft für Fridays For Future?
Fridays for Future steht für Klimagerechtigkeit und eine lebenswerte Zukunft. Forstwirtschaft hat insofern für uns den Stellenwert, dass sie dabei helfen kann, das Ziel zu erreichen - oder ihm Steine in den Weg legt. Wälder haben ein großes Potenzial, sie senken CO2, beherbergen Ökosysteme, sind total wichtig für die Artenvielfalt. Die Forstwirtschaft kann diese Funktionen natürlich unterstützen. Oder sie kann sie zerstören beziehungsweise einschränken. Sie kann also in beide Richtungen wirksam sein.

Was sind Forderungen der jungen Generation an Wald und Forstwirtschaft aus Ihrer Sicht? Wie soll sich Forstwirtschaft ändern?
In den Forderungen von Fridays for Future wird der Wald nicht explizit erwähnt, weil wir insgesamt sehr breite Forderungen stellen. Denn wir wollen lebenswerte Zukunft, sind aber alle noch in der Ausbildung und noch nicht in der Position, direkt etwas zu ändern. Trotzdem denke ich, dass grundsätzliche Forderungen der jungen Generation an den Wald oder die Waldwirtschaft sind, dass Rücksicht genommen wird, also dass die Waldwirtschaft und der Wald dafür steht und dafür arbeitet, dass die Artenvielfalt erhalten und begünstigt wird, dass wir wieder mehr Artenvielfalt kriegen. Natürlich wollen wir keinen weiteren Raubbau und die CO2-Speicherung ist für uns als Umweltschutzorganisation natürlich sehr wichtig; Einerseits die CO2-Speicherung im Wald und dann natürlich aber auch in der Holzverarbeitung. Also wenn man einen Baum absägt und dann gleich wieder verbrennt, ist das CO2 ja gleich wieder draußen. Auch in der Holzproduktion muss man weg vom einfach nur Holz produzieren und verkaufen - das kann’s nicht nur sein, weil es gibt noch so viele andere Funktionen, die wir auch berücksichtigen müssen, die vielleicht noch viel wichtiger sind für unser Leben in Zukunft.

Was für Funktionen wären das?
Biodiversität, Erholungsfunktion, natürlich auch der wirtschaftliche Faktor, Wälder sind Kühlsysteme und die Trinkwasserbereitstellung natürlich.

Was soll/muss die Politik für den Wald tun?
Die Politik ist ein wichtiger Hebel für die eben genannten Forderungen. Es ist ja jetzt schon die Rede von einer Klimaprämie für den Wald. Ich finde, an der kann man noch einiges kritisieren, aber es muss eben genau darum gehen, dass auch die erweiterten Ökosystemleistungen, die der Wald erbringt, honoriert werden. Und dann ist es natürlich wichtig, dass wir vielleicht lokaler handeln beim Holzbau. Warum müssen wir aus Deutschland unser Fichtenholz in die USA verkaufen? Warum brauchen wir hier unbedingt Tropenmöbel? Da wird Holz über riesige Strecken verschickt und das ist nicht unbedingt nötig. Schärfere Regeln für den Holzimport sind natürlich auch wichtig. Und wir müssen vom Holzverbrauch runter, wir leben auf viel zu großem Fuß. Ich denke, dass das auch eine Aufgabe der Politik ist, sich eine Strategie zu überlegen, wie eine langfristige Verwendung von Holz gestaltet werden kann. Zum Beispiel Holzbau, wo das Holz noch lange Zeit in seiner Form stehen bleibt und somit auch der Kohlenstoff gespeichert ist.

Das heißt, wir müssen die Schwerpunkte verlagern, an einer Stelle ausbauenaber anderer Stelle einsparen, zum Beispiel viel mehr recyceln?Ja genau, wir müssen unbedingt die Schwerpunkte verlagern.Das ist ja auch gerade der Punkt an Zertifizierungen wie FSC zum Beispiel. Dassind ja rein marktbasierte Mechanismen, die keine Eindämmung von Angebot undNachfrage bewirken, also die sind ja machtlos dagegen, dass immer mehr Holzverbraucht wird. Und sie sind auch machtlos dagegen, dass unzertifizierteHolzanbieter weiterhin Märkte finden. Das ist genau eine Stelle wo die Politikran muss – und eine Stelle, wo FSC alleine die Welt nicht retten kann.

Auch Erholungssuchende im Wald haben eine Verantwortung. Wie kann eine gute Kommunikation gelingen und verantwortungsvolles Verhalten vermittelt werden?
Das ist keine einfache Frage, über die ich auch lange nachgedacht habe, weil es eine Angelegenheit ist, die mir sehr am Herzen liegt. Bewusstseinsbildung ist eine sehr wichtige Sache. Mir ist selber erst im Forststudium erst so viel klar geworden. Grundsätzliche Fakten lassen sich am besten an die breite Gesellschaft bringen, wenn man sie in der Schule vermittelt. Dass wir noch mehr lernen, dass wir unsere Ressourcen, unseren Planeten zu schätzen wissen. Und was erwachsene Personen angeht, könnte man es eventuell über stärkere Sanktionen erreichen, denn alles einzäunen ist ja auch keine Lösung, denn die Erholungsfunktion der Wälder ist ja eine wichtige Funktion. Försterinnen und Förster haben ja aber auch die Aufgabe, Kommunikation zu machen und Umweltbildung. Da spüre ich oft von Seiten der FörsterInnen einen Unwillen, sich da quasi in die Karten gucken zu lassen. Ich glaube, da braucht es auch von dieser Seite Verständnis und den Willen, aufeinander zuzugehen.

Wie bewerten Sie die Baumpflanzaktionen vieler Unternehmen zu Marketingzwecken?
Bei so Baumpflanzaktionen ist es ja nie gesagt, dass die Pflanze auch durchkommt. Und wenn der Baum stirbt, kann er das CO2, das er kompensieren soll, ja gar nicht mehr aufnehmen. Und es dauert natürlich sehr lange, bis ein Wald das CO2 kompensiert hat, das in so kurzer Zeit ausgestoßen wurde, zum Beispiel beim Fliegen, weil ein Baum ja sehr langsam wächst. Und viele dieser Plantagen oder Orte, wo aufgeforstet wird, im globalen Süden liegen. Und das ist natürlich eine Gerechtigkeitsfrage, also inwiefern sind wir im globalen Norden mit unserem Willen, CO2 zu kompensieren berechtigt, uns einfach Flächen im globalen Süden zu krallen und zu sagen, so, da pflanzen wir jetzt unsere Bäume hin. Es gab ja auch schon Fälle, dass dafür Indigene vertrieben wurden. Ich finde, das ist alles sehr kritikwürdig und in den meisten Fällen ist es Greenwashing. Ich glaube, es wäre richtig, statt den Ausstoß zu kompensieren, lieber anzufangen, ihn zu reduzieren. Das wäre der richtige Weg.
Und selbst wenn der Baum überlebt, ist immer noch nicht sicher, was mit dem Baum dann passiert. Wird er verbrannt, dann wird das CO2 wieder ausgestoßen, wird er verbaut, dann ist es längere Zeit gespeichert. Verrottet er einfach auf dem Waldboden, werden auch wieder Mikroorganismen kommen und CO2 freisetzen. Also es ist keine Lösung, einfach alles zu kompensieren.

Sie haben in der Diskussion im März das Lieferkettengesetz genannt und die Möglichkeit, darüber den von Fridays for Future geforderten Rodungsstopp von Primärwäldern durchzusetzen. Könnten Sie darauf nochmal eingehen? Wie genau kann das funktionieren?
Das Lieferkettengesetz soll ja bewirken, dass Produkte über den Anteil der deutschen Produktion hinaus, bestimmten Kriterien entsprechen müssen. Und bei der Rodung von Primärwäldern kommt ja nicht nur der Umwelt- und Klimaschutz mit rein, sondern oft auch Menschenrechte. Da werden Indigene vertrieben, da werden Flächen kaputt gemacht, die eigentlich fürs Überleben wichtig sind – es kommen ja gerade auch immer mehr Klimaklagen durch – und das soll ja das Lieferkettengesetz schützen. Bleibt zu hoffen oder kämpfen, dass das Gesetz nicht so lax wird, dass einfach mit allen weiter gehandelt wird, sondern klare Einschränkungen herrschen. Das gesagt wird, OK, mit bestimmten Nationen können wir nicht mehr handeln, weil da Primärwälder zerstört werden. Das betrifft natürlich nicht nur den reinen Holzeinschlag, sondern auch die Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen und damit eventuell die Produkte dieser landwirtschaftlichen Flächen.

Liegt Ihnen zu dem Thema sonst noch etwas auf dem Herzen?
Ich glaube, das habe ich vorhin schon gebracht. Nochmal zu FSC: Dass FSC eben die Welt nicht alleine retten kann, dass wir halt trotzdem vom Holzverbrauch runter müssen. Denn auch wenn es FSC gibt und sich FSC vielleicht darum kümmert, dass die Wälder nicht mehr ganz so brutal eingeschlagen werden, reicht das lange nicht aus. Wir leben auf zu großem Fuß auf diesem Planeten. Wir müssen von diesem großen Holzverbrauch runter.


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