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Montag, 26 Juli 2021
"Förster des Jahres" - Christian Bartsch - im Interview

Christian Bartsch - © Daniel Purkert


Der Deutsche Waldpreis 2021 verleiht Christian Bartsch den Titel „Förster des Jahres“. Mit 24 Jahren debütierte er als jüngster Förster Deutschlands und ist seit 2012 Forstrevierleiter der Stadt Eltmann in Franken. Christian Bartsch ist bekennender FSC-Unterstützer und engagiert sich unter anderem als Gruppenleiter der FSC-Gruppe „Franken“, die über 6000 Hektar zertifizierten Wald betreut.

Sie sind Förster der Stadt Eltmann und zudem Gruppenleiter der FSC-Gruppe „Franken“ mit über 6000 Hektar Wald. Was schätzen Sie an Ihrem Beruf und was motiviert Sie?

An meinem Beruf schätze ich besonders den sozialen Aspekt, also z.B. den Umgang mit den Waldarbeitern oder meinen Forstkollegen. Außerdem freut mich die Bedeutung meiner Arbeit für die lokale Bevölkerung. Dazu gehört, das Thema Wald allen Generationen näherzubringen und den Wald als Erholungsort zu gestalten. Als Revierleiter biete ich dafür z.B. Baumpflanzaktionen oder Exkursionen mit Kindern aus Kindergärten oder dem Kinderheim an. Neben dem sozialen Aspekt schätze ich auch die vielfältigen Produkte des Waldes. Abgesehen von der Holznutzung dient der Wald nämlich auch dazu, Wasser zu gewinnen, Staub zu filtern, Kohlenstoff zu binden oder die Menschen mit gutem Fleisch zu versorgen.
Was mich jeden Tag motiviert, das ist mein Ziel, mit Verstand zu wirtschaften und einen klimatoleranten Wald zu schaffen, der stabil und artenreich ist und den wir unseren Kindern mal guten Gewissens übergeben können. Außerdem möchte ich Menschen für das Thema Wald begeistern – das ist gerade in Zeiten von Baumsterben und anderen Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, sehr wichtig. Und ich möchte zeigen, dass die Nutzung von deutschem Holz völlig legitim ist. Wir haben hier zahlreiche heimische Baumarten, die zur Verarbeitung geeignet sind und für deren Nutzung keine langen Transportwege anfallen.

Was unterscheidet Ihren Wald von anderen Wäldern? Welche ökologischen Besonderheiten gibt es? Welche Bedeutung hat der Wald für die Region und die Menschen, die dort leben?

Hier in Unterfranken haben wir eine sehr breite Baumartenzusammensetzung. Allein in meinem Revier gibt es 42 verschiedene Baumarten, die meisten davon heimische. Einige dieser Baumarten, wie zum Beispiel Speierling, Elsbeere oder Weißtanne kommen wegen des geringen Niederschlags in unseren Breitengraden eigentlich eher selten vor – in Eltmann können wir sie jedoch seit einigen Jahren stabil pflanzen. Außerdem habe ich in meinem Revier erst kürzlich über 40 Bäume der Zerreiche entdeckt, das ist eines der größten Vorkommen in Bayern. Die Zerreichen sind mit etwa 80 Zentimetern Durchmesser sehr imposante Bäume und deutlich stärker als gleichaltrige Traubeneichen. Worauf ich auch besonders stolz bin, ist die Tatsache, dass wir im Steigerwald einen naturnahen Buchenwald haben, den ich unbedingt erhalten möchte. Naturnahe Buchenwälder sind ein bedrohtes Ökosystem, das es in Deutschland nur auf 5 Prozent der gesamten Waldfläche gibt.
Auch begünstigt unser Wald eine hohe Artenvielfalt durch Konzepte für Totholz und Biotopbäume. Mit der Vogelfreistätte bei Dippach am Main, in der rund 200 Brutpaare brüten, haben wir außerdem die größte Graureiherkolonie in Süddeutschland, die wir fördern und schützen.
Für die Bürgerinnen und Bürger in der Region ist der Wald natürlich in erster Linie ein toller Erholungsort, der sehr gerne genutzt wird. Außerdem bestimmen Rechtler die Bewirtschaftung des Waldes mit, denn 20 Prozent des Jahreseinschlages stehen ihnen zu. Und natürlich sichert der Wald auch Arbeitsplätze für die Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter, das Forstpersonal und die örtlichen holzverarbeitenden Betriebe.

Biotopbäume spielen bei der nachhaltigen Waldbewirtschaftung eine zentrale Rolle. Welche Erfahrungen haben sie mit der Umsetzung der Ziele von der Belassung und Förderung von Biotopbäumen im Wald gemacht?

Biotopbaum Konzepte schützen den Lebensraum von Insekten, Käfern und anderen Kleinlebewesen mit großer Bedeutung für das Ökosystem. Die Arbeit mit Biotopbäumen setze ich schon sehr lange um. Mittlerweile gibt es in meinem Revier etwa 2000 Biotopbäume und 500 Tothölzer, welche dauerhaft markiert, mit GPS eingemessen und aus der Nutzung genommen werden. Gleichzeitig aber haben die Rechtler eigentlich ein Recht darauf, dieses Holz zu nutzen. Damit das Totholz nicht entnommen wird und auch größere Komplexe wie die wertvollen Kronen von Buchen oder Eichen unangetastet bleiben, betreibe ich Aufklärungsarbeit. Durch die Biotopbäume erreichen wir eine hohe Biodiversität im Wald und können unsere ökologischen Ziele zu erreichen. Aber meine Erfahrungen sind nicht durchweg positiv. Hier in Bayern gab es beispielsweise eine Bindungsfrist von fünf Jahren für Biotopbäume, die später auf zwölf Jahre verlängert wurde. In Thüringen, zum Beispiel, werden die Bäume dauerhaft belassen. Ein gutes Konzept, was meiner Meinung nach im Bund einheitlich geregelt werden sollte. Ein ständiger Wechsel von Kriterien oder die Anpassung von Kriterien ist in der Praxis, besonders für Privatwaldbesitzer, schwer umzusetzen. Außerdem wäre ich für eine Erhöhung der Deckelung von Fördermitteln, die derzeit 25 000 Euro beträgt. Bei einer angemessenen Entschädigung, wäre es möglich wesentlich mehr Bäume aus der Nutzung rauszunehmen. So könnte die Arbeit mit Biotopbäumen außerdem besser in den Wirtschaftswald integriert werden.

Herausfordernd bei der Arbeit mit Biotopbäumen oder Tothölzern ist die Arbeitssicherheit. Zum Schutz der Waldarbeiter und Förster, lassen wir deshalb immer mehrere Biotopbäume auf einer kleinen Fläche stehen, die dauerhaft aus der Nutzung genommen werden.

Sie bewirtschaften in Eltmann 1100 Hektar Wald wovon sich 880 Hektar im FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat) „Buchenwälder und Wiesentäler des Nordsteigerwaldes“ befinden. Zum Thema Trockenheit und den einhergehenden Waldschäden in den letzten Jahren: Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Buchenwäldern gemacht?

Bei uns im Steigerwald sind die Hauptbaumarten Kiefer und Buche und beide leiden sehr unter der Trockenheit. Auch die Fichte, deren Anteil inzwischen von 11 Prozent auf 3-4 Prozent gesunken ist, ist stark von der Trockenheit betroffen. Obwohl sie sich in Eltmann noch in Grenzen halten, gibt es bei alten Buchen große Ausfälle. Gerade an den Stellen, an denen die Buchenbestände zu licht gestellt sind und nur noch einzelne große Exemplare stehen, leidet die Buche, da sie der direkten Sonnenbestrahlung ausgesetzt ist. Dementsprechend sind dichtere Bestände weniger geschädigt. In Eltmann können wir auf solche jüngeren und dichteren Bestände zurückgreifen und sind nicht so auf die älteren angewiesen. Aber wenn die Buche in der Naturverjüngung mal stellenweise ausfällt, haben andere Baumwarten wie Eiche oder auch Kirsche und Ahorn die Chance sich durchzusetzen, was dann auch einer natürlichen Waldentwicklung zu Gute kommt. Deshalb sehe ich unseren Buchenbestand in diesem Zusammenhang nicht so kritisch. Kritisch ist aber bei den absterbenden Buchen, dass sie sich schwer vermarkten lassen und praktisch Brennholz sind, weil ihr Holz schnell einreißt. Deswegen lassen wir diese Buchen im Bestand auch stehen, an den Rändern müssen wir diese aus verkehrssicherungstechnischen Gründen mit aufwendigeren, teureren Fällmethoden fällen und lassen sie dann aber zur Anreicherung von Totholz liegen. Dieses Beispiel erklärt, dass die Trockenheit, die durch die Klimaerwärmung entsteht, auch teure Bewirtschaftungsmaßnahmen mit sich bringt. Das bekommen insbesondere die Privatwaldbesitzer zu spüren. In den nächsten Jahren ist zu befürchten, dass es hier auch zu mehr Unfällen kommen wird, deshalb bilden wir Totholzgruppen im Wald, wo dann gewisse Stellen nicht mehr betreten und der Natur überlassen werden.

Sie sind seit 2010 FSC-zertifiziert. Wie kam es zu der Zertifizierung und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Ich habe schon früh Erfahrungen mit dem FSC gesammelt. Bereits 2004 arbeitete ich als Praktikant bei Freiherr Sebastian von Rotenhan in Rentweinsdorf, einem der ersten Waldbesitzer, der sich FSC-zertifizieren lies. Seit neun Jahren bin ich jetzt Revierleiter im FSC-zertifizierten Wald der Stadt Eltmann und Gruppenleiter der FSC-Gruppe „Franken“, mit der ich über 6000 Hektar Wald betreue. Grundsätzlich habe ich bei diesen Tätigkeiten nur positive Erfahrungen mit dem FSC gesammelt und das sage ich, weil ich aktiv überzeugt davon bin und nicht, weil wir dieses Interview führen (lacht). Manche Vorgaben, die es durch die FSC-Zertifizierung gibt, schränken mich als Förster zwar erstmal ein, auf der anderen Seite profitiere ich aber von einer gewissen Selbstkontrolle, beispielsweise wenn es um Dinge wie die Einhaltung der Rückegassen, der Fälltechniken oder eine Begrenzung fremder Baumarten geht. Auch die internen Audits, für die wir uns zweimal im Jahr treffen finde ich sehr gut. Bei diesen Audits besprechen wir einzelne Punkte des FSC-Standards und machen dazu Übungen, wie beispielsweise Waldbrandübungen bei denen wir Rettungsketten simulieren. Außerdem stehe ich in regem Austausch mit anderen Förstern FSC-zertifizierter Wälder. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, wie wir unser Holz gemeinsam heimatnah vermarkten können – das stärkt unsere Verhandlungsposition. In der Zertifizierung sehe ich außerdem eine gewisse Qualitätssicherung, denn unsere gesamte Arbeit wird vereinheitlicht und wird dadurch vergleichbar. Nicht zuletzt können wir mithilfe der FSC-Zertifizierung gegenüber Bürgerinnen und Bürgern aber auch der Politik glaubhaft nachweisen, dass wir nachhaltig wirtschaften. Das schafft Transparenz.

Durch die Bundeswaldprämie konnten wir jetzt erstmals auch finanziell von der FSC-Zertifizierung profitieren, denn für einen Hektar Wald haben wir eine Förderung in Höhe von 120 Euro erhalten, das sind 20 Euro mehr als bei einer PEFC-Zertifizierung. Ansonsten bringt die FSC-Zertifizierung nur geringe Mehreinnahmen mit sich. Bei Holz sind es beispielsweise 2 Euro pro Festmeter. Ich mache die Zertifizierung also aus idealistischen Gründen, und nicht, weil sie mit einem hohen wirtschaftlichen Profit in Verbindung steht. Alles in allem sind meine Erfahrungen mit dem FSC positiv und ich versuche, andere Revierleiter aus den umliegenden Wäldern von einer Zertifizierung zu überzeugen. Mir ist bewusst, dass durch die Zertifizierung manchmal lästige bürokratische Kleinigkeiten anfallen, aber über die kann ich hinwegsehen (lacht).

Im FSC diskutieren wir derzeit vor allem zwei Themen. Einerseits geht es um die Frage, ob der aktuelle FSC-Standard, der seit 2018 gültig ist, den richtigen Rahmen setzt vor dem Hintergrund der Herausforderungen die sich rund um den Klimawandel (Dürresommer 2018/19) abzeichnen. Andererseits geht es darum, ob in der Waldbewirtschaftung Ökosystemleistungen mehr in den Vordergrund gerückt werden sollten, um mit deren Vermarktung zusätzliche Einnahmequellen für Forstbetriebe zu generieren. Wie stehen Sie zu den beiden Themen?

Grundsätzlich bin ich dafür, dass es in Hinblick auf den Klimawandel auch Änderungen beim FSC geben sollte. Ein Thema, wären beispielsweise die festgelegten Prozentsätze fremder Baumarten. Für FSC-Wälder gilt derzeit die Regel, dass der Anteil nicht-heimischer Baumarten maximal 20 Prozent betragen darf (siehe 10.3.2 in Deutscher FSC-Standard Version 3-0). Durch den Klimawandel stehen viele Forstbetriebe vor der Herausforderung, verlichtete Stellen wieder bepflanzen zu müssen. Dafür bekommen sie aber nicht genug heimisches Pflanzmaterial. Wenn es mehr Freiheiten in der Bewirtschaftung gäbe, könnte man da neue Ansätze ausprobieren.

Ein anderes Problem ist, dass FSC-zertifizierte Forstbetriebe durch die Vorgabe, den Waldboden nur streifen- oder plätzeweise zu befahren teilweise an ihre Grenzen bei der Wiederbewaldung kommen (siehe 10.10.11 in Deutscher FSC-Standard Version 3-0). Da ich einen Bagger habe, der Streifen oder Flächen von der Rückegasse aus bearbeiten kann, betrifft mich das Problem zwar nicht, viele können ihren Wald aufgrund dieser Vorschrift aber nicht mehr gut wiederbewalden, was in Hinblick auf den Klimawandel fatal ist. Also würde ich es begrüßen, wenn an Stellen, an denen es der Boden hergibt, eine flächige Bearbeitung zulässig wäre.

Ein anderer Punkt, den ich überdenken würde ist die Regelung, dass FSC-zertifizierte Landes- und Bundeswälder eine Naturentwicklungsfläche von 10% und Kommunalwälder eine Naturentwicklungsfläche von 5% aufweisen müssen (siehe 6.5.3. in Deutscher FSC-Standard Version 3-0). Diese Regelung ist problematisch, wenn man bedenkt, dass ich Rechtler, die ja auch Rechte am Wald haben, mit der Stilllegung automatisch enteigne. Ich bin zwar auch dafür, der Natur Flächen zur Verfügung zu stellen, aber solche alten Nutzungsrechte sind nun mal auch ein Kulturgut, das erhalten werden sollte. Es sollte hierzu also Ausnahmen geben.

Beim Thema Ökosystemleistungen stimme ich dem Ansatz zu, diese mehr in den Vordergrund zu rücken. Neue Gesetzesvorhaben wie die CO2 Prämie, bei der Wälder mit 112 Euro pro Hektar gefördert werden können, finde ich sinnvoll, da honoriert wird, dass wir naturnahe Wälder liefern, die dauerhaft CO2 binden. Das sollte auch beim FSC hervorgehoben werden. Aber beim FSC fehlt mir noch ein wenig die Sichtbarkeit in den Medien. Man sollte den Menschen zeigen, dass wir in der Forstwirtschaft gewillt sind, gut zu wirtschaften und in Sachen Naturschutz an einem Strang ziehen.

Welche Projekte und Ziele haben Sie zukünftig für Ihren Wald?

Zum einen möchte ich weiterhin klimatolerante Baumarten fördern. Über die entdeckten Zerreichen, wird nun z.B. eine Masterarbeit geschrieben. Das dient dazu, diese Bäume besser erforschen und dann letztendlich auch einzusetzen zu können, zum Beispiel für die Saatgutgewinnung. Neben den Zerreichen gibt es auch noch andere klimatolerante Baumarten, wie den Speierling, aus denen ich jetzt schon Saatgut gewinne. Dieses wird wiederum Baumschulen zur Aufzucht und weiteren Verpflanzung zur Verfügung gestellt. Wichtig ist mir außerdem die Ansiedlung von bestimmten Tierarten wie zum Beispiel dem Schwarzstorch. Diese Tiere halten sich nämlich nur dort auf, wo sie ungestört sind und der Wald intakt ist. Außerdem möchte ich auf Grundstücken, die die Stadt Eltmann jetzt gekauft hat, einen Ort der Begegnung schaffen, an dem Kinder und Erwachsene den Wald gemeinsam erleben können.

Generell möchte ich meine Auszeichnung dazu nutzen, der Forstbranche in Deutschland ein Gehör zu verschaffen. Zwar sind wir im Vergleich zu Branchen wie beispielsweise der Automobilbranche ein recht kleiner Sektor, aber wir kümmern uns um die Wälder, die uns Holz liefern und gleichzeitig unsere Luft filtern. Holznutzung und Naturschutz schließen sich in der Forstwirtschaft nicht aus. Ich sehe mich als eine Art Lokomotive, die die Menschen mitnehmen kann und positiven Schwung in die ganze Diskussion um den Klimawandel reinbringt.

Das Interview führten Ines Hampel & Charlotte Breitinger am 13. Juli 2021.


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