Aktuelles

Nachrichten und Themen rund um unsere Aktivitäten


Mittwoch, 23 Dezember 2020
FSC in der Kontroverse

Rückblick auf die Auftaktveranstaltung der FSC Digitalkonferenzreihe


Unter der Überschrift „Waldzertifizierung auf dem Prüfstand. Ist freiwillige Waldzertifizierung beim Schutz der Wälder gescheitert?“ startete am 16.12.2020 die Digitalkonferenzreihe des FSC Deutschland. Intensive Debatten auf dem Podium und mit den Zuschauern kennzeichneten die Auftaktveranstaltung. FSC Deutschland unterstreicht eindrucksvoll seine Rolle als Dialogplattform.

Zeugnisausgabe:

Gleich zu Beginn der Diskussion war für den FSC erst einmal Zeugnisausgabe angesagt. Moderatorin Maria Grundwald ließ im Rahmen der einleitenden Vorstellungsrunde jeden Referenten dem FSC als weltweites System für die Kennzeichnung einer sozial ökologisch nachhaltigen Forstwirtschaft eine Schulnote vergeben. Dirk Riestenpatt als FSC Deutschland Vorsitzender vergab eine 3 (befriedigend) mit dem Blick, dass FSC noch viele Chancen hat sich zu verbessern. Kim Carstensen Generalsekretär FSC International vergab ebenfalls eine 3 und begründete dies damit, dass FSC zwar das mit Abstand beste Zertifizierungssystem für nachhaltige Forstwirtschaft sei, es jedoch auch noch viel Entwicklungspotential hat. Als Mitglied des Europäischen Parlaments und Agrarpolitischer Sprecher der Grünen Fraktion vergab dem FSC die Note 4- und verband die Note mit der aus seiner Sicht zu inflationären Verbreitung und Nutzung des FSC-Zeichens. Die schlechteste Note bekam der FSC dann zuletzt von NABU Präsident Jörg-Andreas Krüger ausgestellt, der mit der Note 5 seine Enttäuschung zum Ausdruck brachte, dass FSC in seiner globalen Wirkung zu weit hinter den Erwartungen der Umweltverbände bei seiner Gründung von über 25 Jahren zurückbleibe. Krüger unterstrich: „Es ist eben noch nicht „ausreichend“, was der FSC zum Schutz der Wälder leistet.“ Angesichts der dramatisch schlechten Lage in vielen Wäldern, fordert Krüger dringend eine stärkere positive Wirkung der Zertifizierung Er betont jedoch auch, dass die Erwartungen an ein freiwilliges Zertifikat nicht zu hoch sein dürften, denn gegen schlechtes Regierungshandeln, Illegalität und Korruption reicht dies Instrument allein nicht aus, hier bedarf es weiterer flankierender Maßnahmen. Es müsse einfach mehr passieren als in einzelnen Regionen, Ländern und Pilotprojekten zu zeigen, wie es mit FSC super laufen kann, resümiert Krüger. Daher fordert er gleich zu Beginn der Diskussion: „Der FSC muss noch ein stärkeres Instrument zur Lösung und tatsächlichen Veränderung on-the-ground werden, weil wir sonst ins Leere laufen“.


Schonungslos und ehrlich in der Debatte

Mit diesen durchwachsenen Noten und den ersten klaren, recht schonungslosen Einschätzungen des Präsidenten von Deutschlands mitgliederstärksten Umweltorganisation war die Grundlage für eine lebhafte Diskussionsrunde über die dann folgenden 90 Minuten gelegt. Die Frage der Wirksamkeit von FSC-Zertifizierung im Wald und dem konsequenten (harten) Vorgehen bei Verstößen gegen FSC-Standards prägte auch im Weiteren immer wieder die Debatte. Den Forderungen des Europaparlamentariers Martin Häusling nach mehr gesetzlichen Maßnahmen und einer klaren Kritik an freiwilligen Zertifizierungssystemen, welches aus seiner Sicht insbesondere den Interessen großer Industrieakteuren folge, wieder sprachen die anderen Diskussionsteilnehmer klar. Insbesondere NABU Präsident Krüger hob mit einem Seitenhieb auf die Politik hervor: „Es muss auch immer klar sein worüber wir hier reden. […] Die Rolle eines freiwilligen Zertifizierungssystems kann nicht sein hier Ordnungsrecht zu ersetzen. Das ist Rolle der Politik, Ordnungsrecht zu schaffen. Das haben wir weder in Deutschland noch in Europa hinbekommen. […] Das alleine kann man dem FSC nicht zum Vorwurf machen, dass er zum Beispiel keine Strafen aussprechen kann […]“. Vielmehr bestehe ja die einzige Sanktionierungsmöglichkeit des FSCs darin das Label zu entziehen, für Strafen müssten Behörden diese verhängen, aber diese täten sich damit euch in Europa schwer und in vielen Teilen der Welt gäbe es nicht mal die Gesetzte, die dies mit Strafe bedrohen, so Krüger.


Im Weiteren entspann sich zwischen den Experten eine lebhafte Debatte, über die Wirkungsreichweite und die Frage der Erwartungen an freiwillige Zertifizierung. FSC Deutschland Vorsitzender Dirk Riestenpatt unterstich dabei, dass man Fehler und Verstöße bei der Zertifizierung nicht klein reden dürfe, jedoch auch klarsehen müsse, dass diese Vorfälle, die dann u.a. durch die Medien gehen nur einen sehr kleinen Teil der global zertifizierten Fläche betreffen. „Wenn man um die Welt fährt, kann man wirklich in Forstbetrieben sehen, was sich verändert. Es werden Flächen renaturiert, es werden lokale Bevölkerungsgruppen in Beschäftigung gebracht und ganz wesentlich: Forstbetriebe stellen Dinge in Frage und verändern damit ihre Arbeit zum Positiven. Dies gehört für mich bei der Bewertung der Leistungsfähigkeit von Zertifizierung durch FSC untrennbar dazu,“ unterstreicht Riestenpatt in der Debatte.

Der Generalsekretär von FSC International Kim Carstensen, hob in der Debatte mehrfach die Rolle und Bedeutung indigener Gruppen für den Schutz und Erhalt des Waldes auf der Welt hervor. „Ich möchte indigene Gruppen dabei unterstützen, dass sie die Mittel bekommen ihr eigenes Land zu verwalten und dann FSC als Tool zu nutzen, dieses Land nachhaltig zu bewirtschaften. Indigene Gruppen sind ein Schlüssel dazu in vielen Regionen der Welt, Wälder langfristig zu schützen und zu erhalten. Dazu hat FSC die FSC Indigenous Foundation gegründet, die derartige Projekte unterstützt“, erklärt Kim Carstensen.


Zuschauer mit dabei
Dank moderner Videokonferenztechnik, konnten die Zuschauer auf unterschiedlichste Weise sich selber mit in die Diskussion einbringen. Dabei bestand neben der klassischen E-Mail, die Möglichkeit sich mündlich direkt zu äußern und auch Fragen schriftlich ans Plenum zu richten. So entstand in der zweiten Hälfte der Debatte ein reger Austausch sehr unterschiedlicher Perspektiven zwischen Podium und Zuschauern, bei der zwar nicht alle Fragen beantwortet werden konnten, aber sehr viele. Die souveräne Moderation von Maria Grunwald (Deutsche Welle) ließ in der zweistündigen Veranstaltung keine Langeweile aufkommen. Rund einhundert ausdauernde Zuschauer*innen folgten der ersten Ausgabe der FSC Digitalkonferenz. Die live ins Internet übertragene Diskussion, kann auch jetzt noch auf dem YouTube-Kanal des FSC Deutschland nachgeschaut werden (siehe: https://bit.ly/34Dq0Jz).


Nächste Diskussion: FSC im Tropenwald

Die zweite Ausgabe der Digitalkonferenzreihe „Waldzertifizierung auf dem Prüfstand“ geht der Frage nach: Trägt Zertifizierung zum Erhalt von Tropenwäldern bei oder ebnet sie nur der Ausbeutung den Weg?
Termin ist Donnerstag, 14. Januar 2021 um 16 Uhr und wieder digital (Livestream auf https://konferenz.fsc-deutschland.de/ oder auf ZOOM nach vorheriger Anmeldung über die selbe Seite)

Es diskutieren:
• Harrison Ochieng Kojwang (Direktor FSC Africa)
• Dr. Claude Martin (Kanzler International University Geneva)
• Dr. Paolo Cerutti (Leitender Wissenschaftler im Center for International Forestry Research - CIFOR)
• Dr. Christoph Thies (Waldexperte Greenpeace Deutschland)

Teilnahme und Anmeldung sind kostenlos! Weitere Informationen und Termine finden Sie unter: https://konferenz.fsc-deutschland.de/


© Forest Stewardship Council® · FSC® F000213