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Freitag, 31 Januar 2014
Kahlschlag in der Eifel: Abschlussstatement

Schlussstatement des FSC zu ARD plusminus vom 8.1.2014


Mit verstörenden Bildern aus dem FSC zertifizierten Nationalpark Eifel hat die ARD-Sendung plusminus vom 8.1.2014 innerhalb weniger Sekunden das Vertrauen vieler Menschen in den FSC als glaubwürdiges Zertifikat für verantwortungsvolle Forstwirtschaft erschüttert. Unter Missachtung wichtiger journalistischer Sorgfaltspflichten wurden in dem Beitrag, der sich im Kern mit Rohholzlieferverträgen des Landes Nordrhein-Westfalen auseinander gesetzt hatte, schwere Vorwürfe gegen den FSC und die Zertifikatsvergabe erhoben. Um die unserer Meinung nach vereinfachende sowie falsche Darstellung bezüglich des flächigen Einschlags und der FSC-Zertifizierung richtig zu stellen, hat der FSC Deutschland bereits am 10. Januar 2014 mit einer ersten Stellungnahme reagiert. Inzwischen liegen neue umfangreichere Hintergrundinformationen des Nationalparks Eifel, des Fördervereins Nationalpark Eifel und des zuständigen FSC-Zertifizierers vor, die aus Sicht des FSC Deutschland eine abschließende fachliche Beurteilung zulassen.

Die Aufarbeitung fachlicher Hintergrunddokumente  hat gezeigt, dass im Vorfeld sowie im Verlauf der Maßnahmen und Planungen eine umfangreiche Beteiligung von Akteuren vor Ort stattgefunden hat. So haben die Unterlagen gezeigt, dass zuvor eine öffentliche Beteiligung zu den Umbaumaßnahmen durch die in der Nationalparkverordnung vorgeschriebene Nationalpark Arbeitsgruppe bereits im Jahr 2008 stattgefunden hat. Wiederholt wurde das Vorhaben dort vorgestellt, inhaltlich begleitet und immer wieder ohne Gegenstimmen durch die Nationalpark Arbeitsgruppe bestätigt (zuletzt im Herbst 2013). In der Nationalpark Arbeitsgruppe sind neben kommunalen Funktionsträgern und Vertretern verschiedener Behörden zahlreiche Fachleute des amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutzes vertreten (LANUV, BUND, NABU, LNU, SDW). FSC Deutschland liegen die relevanten Protokolle mit Teilnehmerlisten entsprechender Veranstaltungen vor. Diese dokumentieren den Entscheidungsprozess zu den Maßnahmen und deren Teilnehmer. Gerne stellen wir diese Dokumente jedem Interessenten auf Anfrage zur Verfügung.

Wie sowohl aus der Aufarbeitung des Nationalparks als auch aus einer Pressmitteilung des Fördervereins Nationalpark Eifel e.V.  hervorgeht, fanden alle Maßnahmen im Rahmen eines langjährigen und breit angelegten Informationsprozesses statt und wurde wissenschaftlich sowie fachlich von Experten begleitet. Insbesondere auf die Art der Maßnahme aber auch auf die Größe des Eingriffs wurde wiederholt hingewiesen.

Neben einer naturschutzfachlichen und gesellschaftlichen Klärung der Vorgänge wirft der Fernsehbeitrag Fragen zur Konformität der Vorgänge mit der bestehenden FSC-Zertifizierung des Landesbetriebes (und damit auch des Nationalparks) auf. Die Kahlschläge werden ausschließlich mit Naturschutzzielen des Nationalparks begründet. Grundsätzlich verbietet der Deutsche FSC-Waldstandard Kahlschläge eindeutig auf Flächen über 0,3 ha, gemäß der Anforderung 6.3.12 Deutscher FSC-Standard. Im Rahmen begründeter Ausnahmen, z.B. beim Umbau instabiler, naturferner Wälder sind Kahlschläge im Einzelfall möglich. Umbau meint hierbei die Entwicklung von nicht standortsgerechten Wäldern hin zu natürlichen Waldgesellschaften. Eine Größenbegrenzung derartiger Naturschutzmaßnahmen wurde im verantwortlichen Gremium des FSC Deutschland (Richtlinienausschuss) im Dezember 2012 bewusst nicht definiert. Für die Bewertung der Standardkonformität sind die fachliche Begründung des Einzelfalls sowie die vorherige Abstimmung des Vorhabens mit dem Zertifizierer maßgeblich. Die Abstimmung und Bewertung des Vorhabens im Nationalpark Eifel wurde durch den zuständigen Zertifizierer (GFA Certification) bestätigt. Aus dessen Sicht hat sich der Betrieb in diesem Fall standardkonform verhalten.

Inzwischen hat das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen durch einen Erlass auf die Vorgänge reagiert. Künftig sind derartige Kahlschläge nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Ministeriums, verbunden mit einer vorherigen fachlichen Beurteilung durch die Geschäftsführung des Landesbetriebs, erlaubt.  Bereits seit 25 Jahren sind Forstwirtschaftlich begründete Kahlschläge im Landesbetrieb Wald und Holz NRW unzulässig.

Die richtige Entscheidung für den Wald?

Die gezeigten Bilder entsprechen nicht dem Leitbild einer verantwortungsvollen Bewirtschaftung von Wald und stehen nicht für den Regelfall einer vorbildlichen Forstwirtschaft. Aus diesem Grund verlangt die Nationalparkverordnung des Nationalparks Eifel einen langjährigen und umfangreichen Beteiligungsprozess mit Bürgern und Fachleuten. Im Rahmen der FSC-Zertifizierung sind entsprechende Maßnahmen nur im Einzelfall auf Grundlage einer fachlichen Begründung und nach vorheriger Bestätigung vom zuständigen Zertifizierer möglich. Diese genannten Anforderungen wurden im Fall des Nationalparks Eifel erfüllt.

Dennoch hat der bei ARD-plusminus gezeigte Bericht bei zahlreichen Naturschützern und Forstleuten einen intensiven Diskussionsprozess ausgelöst. Diesen vermag der FSC Deutschland mit Hilfe seines bestehenden Waldstandards und seines Zertifizierungssystems derzeit nicht aufzulösen. Im Kern geht es im vorliegenden Fall um einen inhaltlichen Streit zwischen verschiedenen Ansichten zum Naturschutz. Auf der einen Seite steht die Auffassung, dass Naturschutzziele im Wald am besten durch größtmögliches Zulassen natürlicher Prozesse erreicht werden können. Auf der anderen Seite wird die Meinung vertreten, dass Naturschutz durchaus auch die Aufgabe hat, natürliche Prozesse zugunsten bestimmter Arten oder Biotope aufzuhalten oder in extremen Fällen sogar zurückzudrehen.     
Angewendet auf das Beispiel Eifel hätte für die erstgenannte Variante die Lösung möglicherweise im sachten Voranbau bestanden (Pflanzen von jungen Laubbäumen unter einem Schirm aus Fichte). Der Entscheidungsprozess hat in diesem Fall für die andere Variante den Ausschlag gegeben.

Vertreter des sog. Prozessnaturschutzes mahnen, dass gerade im Nationalpark der freie Lauf von Natur im Zentrum planerischer Ziele stehen sollte. Zudem steht der FSC grundsätzlich für die Förderung natürlicher Waldentwicklungsprozesse. Aus diesem Grunde sind Kahlschläge im Rahmen des Deutschen FSC-Standards auch grundsätzlich verboten. Ausnahmen hiervon stellen Maßnahmen dar, bei denen fachlich begründete Eingriffe in natürliche Prozesse zur bewussten Steuerung hin zu mehr Naturnähe erlaubt sind.  Neben der Sondersituation von bewussten Umbaueingriffen erlaubt der Deutsche FSC-Standard auch in anderen Fällen Eingriffe in Waldsysteme, z.B. zur Sicherung historischer Waldstrukturen wie z.B. Hute- oder Mittelwälder, die im Einzelfall sehr artenreich und besonders schützenswert sind. In all diesen Beispielen ergeben sich grundsätzliche Zielkonflikte, die der FSC im Sinne des Natur- und Artenschutzes bewusst zulässt und nicht kategorisch auflösen kann und will.

Im gezeigten Beispiel mag man die offenen Flächen fachlich begründet öffentlich anprangern. Im Kern hat der Nationalpark durch ein umfangreiches Einbindungskonzept aller vor Ort ansässigen Experten und intensiver fachlicher Bewertungen versucht, diesem Konflikt Rechnung zu tragen. Ob solche Eingriffe – trotz fachlicher Begründung, aufwändiger Bürgerbeteiligung und Bestätigung durch einen externen Zertifizierer– öffentlich tragbar sind, bleibt am Ende eine subjektive Bewertung. In Bezug auf FSC werden entsprechende Konflikte im Rahmen der regelmäßigen öffentlichen Überarbeitung des Waldstandards aufgegriffen und adressiert.

Ausgewählte Hintergrunddokumente zum Nationalpark Eifel und Stellungnahmen haben wir Ihnen auf folgender Seite zusammengestellt:
http://www.fsc-deutschland.de/aktuelles.143.64.htm

Für weitere Hintergrundinformationen wenden Sie sich gerne an die Geschäftsstelle des FSC Deutschland.


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