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Dienstag, 19 Mai 2020
Qualitätssicherung in Zeiten von COVID-19

Ein Auditor bei der Arbeit (© shutterstock)© shutterstock

Was bedeuten die Einschränkungen durch die globale Corona-Pandemie für ein verlässliches Qualitätssicherungssystem wir den FSC?


Die Corona-Krise bringt weltweit Lieferketten für wichtige Produkte des Alltags unter Druck und stellt auch den FSC als verlässliches Nachhaltigkeitszeichen für gute Waldwirtschaft vor unvorhergesehene Herausforderungen. Wie können eigentlich zwingend geforderte Vor-Ort-Prüfungen vor dem Hintergrund drastischer Reisebeschränkungen und Abstandsregeln im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie durgesetzt werden? Was passiert in systemrelevanten Lieferketten, wenn durch die FSC-Regeln die Versorgung der Bevölkerung gefährdet wird? Welche Rollen spielt Nachhaltigkeitszertifizierung, wenn sich Unternehmen für die Zeit nach der Krise rüsten?

Verlässliche Prüfaussagen durch Vor-Ort-Prüfungen

Vor Corona: FSC Audit im Wald – Mit neuen Lösungen Abstand halten. (© FSC Deutschland / Lars Hoffmann)© FSC Deutschland / Lars HoffmannZentrales Werkzeug, um die Einhaltung von FSC-Regeln zu sichern, sind jährliche Vor-Ort-Prüfungen in Unternehmen. Die hier vom FSC geforderte Konsequenz ist in den relevanten Branchen einzigartig. Diese Anforderung steht jetzt plötzlich im Konflikt mit grundlegenden Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes von Mitarbeiter*innen in Unternehmen und Auditoren. Weltweite Reiseeinschränkungen, die Anordnungen von Behörden, soziale Kontakte auf das absolut minimal notwendige Maß zu reduzieren und in einigen Ländern sogar Ausgangssperren, stellen diese Grundanforderung des FSC sehr grundsätzlich in Frage. Für FSC hat derzeit der Schutz der Gesundheit von Mitarbeitern*innen in zertifizierten Unternehmen und Zertifizierungsorganisationen Priorität. Aus diesem Grund hat FSC seit März 2020 im Einklang mit den internationalen Vorgaben des IAF (International Accreditation Forum) mehrere Sonderregeln für die Zeiten der akuten Corona-Pandemie erlassen. So ist die Verschiebung von Vor-Ort-Kontrollen bei sog. jährlichen Überwachungsaudits um maximal sechs Monate möglich. Auch ein sogenanntes „Desk-Audit“ kann im Einzelfall die physische Kontrolle im Betrieb ersetzen. Die kontrollierten Unternehmen müssen in dem Fall die relevanten Unterlagen einschicken und z.B. per Videokonferenz ihren Umgang mit FSC-zertifizierten Produkten gegenüber Prüfern*innen demonstrieren. Die Nutzung dieser Ausnahmeregelungen ist jedoch an eine vorab durchzuführende definierte Risikoabwägung gebunden. Sollten Beschwerden gegen einen Betrieb vorliegen oder die Zertifizierungsorganisation zu der Einschätzung kommen, dass aufgrund der Betriebsabläufe ein hohes Risiko der Vermischng von FSC und nicht-FSC Material besteht, führt auch in Zeiten von Corona kein Weg an einer Kontrolle im Betrieb vorbei.

„Der FSC ist sich bewusst, dass Vor-Ort-Kontrollen eine andere Qualität haben als die sog. Remoteaudits nach Papierlage", unterstreicht Dr. Hans-Joachim Droste, Leiter der Abteilung für Standardentwicklung beim FSC International. Er erläutert dazu: „Derzeit brauen wir praktikable Regelungen, die einerseits nicht die Gesundheit von Unternehmensmitarbeitern und Prüfern gefährden und es auf der anderen Seite Unternehmen ermöglichen, ihr FSC-Zertifikat trotz der coronabedingten Einschränkungen zu erhalten. Insbesondere dann, wenn diese Organisationen sich bislang regelkonform verhalten haben und sich ernsthaft um mehr Nachhaltigkeit bemühen.“ Droste verweist hier außerdem auf die Bedeutung der FSC-Zertifizierung für die wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen: „Zertifizierung ist oftmals wesentlicher Bestandteil langfristiger Lieferverträge. Ohne eine entsprechende Regelung hätten viele Unternehmen ihre Zertifikate und folglich ihre Lieferverträge verloren. Damit würde sich die eh schon schwierige wirtschaftliche Lage bei vielen Betrieben weiter verschärfen. Selbstverständlich beobachten wir bei FSC International die Situation und den Verlauf der Audits sehr genau. Dazu haben wir extra noch zusätzliche Berichtspflichten für die Zertifizierungsorganisation eingeführt, wenn diese auf die Ausnahmeregeln zurückgreifen müssen.“

Klar ist, dass die Vor-Ort-Prüfung – als zentrales Element der Qualitätssicherung im FSC-System – nicht abgeschafft oder beliebig lang verschoben werden darf. Alle Ausnahmeregeln sind daher zeitlich begrenzt. Zudem ist der Rückgriff auf die Regelungen an entsprechende Nachweise gebunden, so muss das Risiko einer COVID19-Infektion in der jeweiligen Region gegeben sein, bzw. eine entsprechende Reise- und Kontaktbeschränkungen von Behörden vorliegen.

Erste Rückmeldungen von zertifizierten Unternehmen und Auditoren sind durchweg positiv. Zwar bescheinigen beide Seiten, dass die nun durchgeführten Kontrollen aus der Ferne mit Hilfe technischer Mittel deutlich aufwändiger sind, weshalb auch alle auf die Rückkehr zum regulären Verfahren hoffen, jedoch geben die Ausnahmeregeln nun allen Seiten Sicherheit in Bezug auf die Zukunft der Zertifikate. Die durch FSC getroffenen Regelungen schaffen diesbezueglich für alle Seiten Planungssicherheit. Für viele Handels- und Verarbeitungsunternehmen ist auch in der Krise völlig klar, dass sie an nachhaltigen Produkten mit FSC-Zertifikat festhalten.

Erstaudits in der Produktkette

Die Einführung eines FSC-Zertifikats für Unternehmen in der Verarbeitungskette oder im Handel ist oft ein längerfristiger Prozess. Die anhaltenden Beschränkungen durch die Corona-Krise führen inzwischen bei Zertifizierungsorganisationen zu einem Stau bei der Ausstellung neuer Zertifikate. In diesen Fällen haben Unternehmen alle Vorbereitungen getroffen, um FSC-zertifizierte Waren verarbeiten zu können, nur die erste Betriebsprüfung zur Erteilung des FSC-Zertifikats fehlt noch. Da ein Ende der Kontakt- und Reisebeschränkungen weiter nicht absehbar ist, hat FSC am 8. Mai 2020 eine Ausnahmeregel erlassen, die nun auch einer Erstzertifizierung ohne Vor-Ort-Prüfung zulässt. Die Regel gilt nur bei Produktkettenzertifikaten (Chain of Custody - COC). In diesen Fällen muss die Kontrollorganisation vorher besondere Anforderungen des FSC zur Durchführung solcher Desk-Audits erfüllen. Dies beinhaltet auch eine definierte Risikoabwägung, dass FSC-Regeln richtig angewendet werden. Die Vor-Ort- Prüfung muss dann zeitnah und spätestens zum ersten Überwachungsaudit nachgeholt werden. Dies scheint angemessen, da beim Erstaudit in Verarbeitungsbetrieben (COC) vielfach die FSC-Abläufe lediglich in der Theorie demonstriert werden. Eine Verarbeitung von FSC-Material und die entsprechende Kennzeichnung findet erst nach der Zertifikatserteilung statt.
„Viele Unternehmen orientieren sich in der Krise neu oder nutzen die Auftragsflaute, um Projekte und Vorhaben abzuschließen. Dazu zählt auch bei einigen Unternehmen eine geplante FSC-Zertifizierung durchzuführen oder diese endlich in Angriff zu nehmen. Dem wollen wir als FSC nicht im Wege stehen. Schlüssige Nachhaltigkeitskonzepte werden auch nach und bereits während der Corona-Krise gefragt“, erläutert Dr. Droste. Diese Ausnahmeregel gilt ausdrücklich nicht für den Wald. Forstbetriebe müssen vor der Erteilung eines Zertifikats im Wald nachweisen, dass sie die FSC-Standards in ihr Management integriert haben und entsprechend handeln.

Versorgungsengpässe mit FSC-Materialien in systemrelevanten Lieferketten

Altpapier für Recyclingprodukte (© Photo by Bas Emmen on Unsplash)© Photo by Bas Emmen on UnsplashBei der Versorgung mit Hygieneprodukten und Toilettenpapier war der FSC mit zwei gewichtigen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert. Hier galt es einerseits den Mangel an Hygienepapierprodukten, wie unter anderem Toilettenpapier oder Taschentüchern, nicht weiter zu verschärfen. In vielen Ländern war oder ist die Versorgung mit Toilettenpapier in Supermärkten durch Vorratskäufe eingebrochen. Andererseits gilt der wichtige Anspruch, als FSC für eine relevante positive Umweltwirkung in FSC-Lieferketten einzustehen. Das mit dem FSC-Zeichen verbundene Versprechen gegenüber Verbraucher*innen muss eingehalten werden.

Im Fall von FSC-RECYCLED Hygienepapierprodukten kam es dabei zu diesem Konflikt. Bereits bedruckte Verpackungspapiere im Lager der Hersteller passen nicht mehr zu den tatsächlich lieferbaren Rohstoffen. Zu der hohen Nachfrage kam am Markt der Recyclingpapiere, dass Fabrik-schließungen bei papierverarbeitenden Betrieben und Druckereien die Versorgung mit Recycling-papier aus der Industrie fast zum Erliegen brachte. Andere Verpackungen waren durch die gestiegene Nachfrage nicht mehr auf Lager und eine schnelle Nachproduktion ist durch die vielteiligen Lieferketten nicht möglich. So haben einige Produzenten von Toilettenpapier zwar Verpackungen im Lager, konnten diese aufgrund der aufgedruckten Kennzeichnung aber nicht nutzen. In klar definierten Fällen erlaubt der FSC nun Herstellern in solchen dokumentierten Ausnahmesituationen von den gekennzeichneten Produktinhalten abzuweichen (z.B. durch Beimischung von FSC-Frischfasern oder Controlled Wood in FSC-Recyclingprodukte). Dies gilt allerdings nur für die Zeit bis 30.06.2020, den vermeintlichen Höhepunkt der Corona-Krise. Zudem können die Sonderregeln nur in eng definierten Ausnahmefällen bei der Produktion von Hygieneprodukten (z.B. im Kontext von Toilettenpapieren) angewandt werden.
„Wir haben wie bei allen anderen Ausnahmeregelungen sehr genau abgewogen, inwieweit eine solche Ausnahme angemessen erscheint und die Glaubwürdigkeit von FSC grundsätzlich in Frage stellt“, so Dr. Droste. „Wir haben den Eindruck, dass die betroffenen Unternehmen sich nicht leichtfertig an den FSC gewandt haben, um Verbrauchertäuschung betreiben zu können oder ihre Profite in der Krise zu maximieren. Im Gegenteil: Unternehmen sind in einer echten Notlage, um in der Krise wichtige Produkte für die Verbraucher*innen bereitzustellen. Daher haben sie sich an den FSC gewandt. Die Abwägung war, inwieweit wir in engen Rahmen eine schlechtere Umweltperformance durch die Verbreitung bereits bedruckter Verpackungs-materialien mit nicht ganz zutreffender Kennzeichnung zulassen, um die Herstellung wichtiger Produkte weiter zu ermöglichen oder ob wir hier unflexibel die Bedürfnisse der Menschen ignorieren. In der konkreten Situation haben wir uns für eine zeitlich eng begrenzte Übergangs-lösung entschieden. Von einer generellen Aufweichung der Ansprüche des FSC in Bezug auf Produkte aus nachhaltiger Waldwirtschaft kann hier jedoch nicht die Rede sein.“

Wurde die Regel angewandt, so muss das Unternehmen innerhalb eines Jahres die entsprechenden Recyclingmengen durch entsprechend Aufkäufe kompensieren ohne diese zu Kennzeichnen. Die beiden größten Hersteller für Hygieneprodukte in Deutschland haben gegenüber FSC Deutschland geäußert, dass sie diese Ausnahmeregelung nicht anwenden werden. Weltweit ist die Situation in vielen Ländern jedoch weiterhin sehr angespannt.

Abreißende Lieferketten bei Produkten nach dem FSC-Prozentsystem

Grenzen bleiben vielfach geschlossen (© Photo by Harmen Jelle van Mourik on Unsplash)© Photo by Harmen Jelle van Mourik on UnsplashMit einer Sonderregel in Bezug auf FSC MIX Produkte im Bereich Bau, Holzverarbeitung und Möbel erlaubt FSC für besondere Härtefälle, dass der Anteil an kontrollierten Rohstoffen im Prozentsystem auf 49 Prozent steigen darf. Grundsätzlich können Unternehmen, die nach dem Prozentsystem Waren mit FSC MIX kennzeichnen, nur bis zu 30 Prozent der Rohstoffe aus kontrollierten Quellen beimischen. Bei der Anwendung dieser Sonderregel müssen die Unternehmen jedoch ein negatives Konto eröffnen und das Defizit an eingesetzten Rohstoffen aus zertifizierten Quellen bis spätestens 31.12.2021 wieder ausgleichen. Voraussetzung für die Anwendung der Ausnahmeregelung ist, dass das Unternehmen min. über einen Zertifizierungszyklus (5 Jahre) bereits in der Lage war sich mit entsprechenden FSC-zertifizierten Rohstoffmengen zu versorgen und es diesbezüglich keine Beanstandungen durch den Zertifizierer gab. Die Regelung wurde notwendig, da durch Werks- und Grenzschließungen bei einigen Unternehmen die Versorgung mit FSC-zertifizierten Rohstoffen eingebrochen war, diese jedoch teilweise komplett auf gekennzeichnete Produkte umgestellt hatten.

Aus der Sicht von FSC Deutschland hat der FSC als internationale Organisation derzeit richtig und schnell reagiert. Die Corona-Pandemie erfordert flexibles und pragmatisches Vorgehen im Sinne einer guten Waldbewirtschaftung. Lockerungen im Bereich von Vor-Ort-Audits erscheinen in der aktuellen Situation genauso angemessen wie zeitlich begrenzte Ausnahmereglungen zur Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Produkten. Es geht darum, dass Zertifizierung in der Krise weiter möglich bleibt, ohne dass die Qualität der Zertifizierungsaussage leidet.

Wir bitten alle Akteure*innen Kontakt mit dem FSC aufzunehmen, um Probleme im Kontext der Corona-Krise frühzeitig zu erkennen und kluge Lösungen zu entwickeln. Auch kritische Eingaben bzgl. der Ausnahmeregeln, mit denen FSC auf die Corona-Krise reagiert, sind herzlich willkommen. FSC ist auch hier auf den Dialog mit Vertreter*innen aller gesellschaftlich relevanten Gruppen angewiesen.

Übersicht der Ausnahmeregeln im Zusammenhang mit Corona bei FSC:

Sonderregeln mit Bezug zur Corona-Pandemie 1
Sonderregeln mit Bezug zur Corona-Pandemie 2


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