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Dienstag, 26 November 2019
Die Entwicklung eines FSC-Waldstandards für Rumänien

Holztransport in Rumänien (© FSC Rumänien)© FSC Rumänien

Dem FSC Rumänien ist es Anfang des Jahres gelungen, nach langem Prozess einen neuen nationalen FSC Standard zur Akkreditierung zu bringen. Der Standard ist damit einzige Grundlage für FSC-Waldzertifizierung in Rumänien.


Hintergrund
Seit vielen Jahren findet in Rumänien illegaler Holzeinschlag mit all seinen Facetten und in großem Umfang statt. Das Problem ist eng verknüpft mit Korruption, wirtschaftlichen Notlagen und Mängeln auf institutioneller Ebene.

Verschärft wird die Situation zusätzlich dadurch, dass Rumänien über 11.000 Hektar ursprüngliche Naturwälder beheimatet, die größten Überreste von Urwäldern in Europa außerhalb von Skandinavien und Russland. Auch die rumänischen Nationalparks und Natura-2000-Gebiete sind durch zu intensive Holznutzung betroffen.
Seit Einführung der Europäische Holzhandelsverordnung EUTR im Jahr 2013, die auf eine Verdrängung von illegal eingeschlagenem Holz von den Märkten innerhalb der EU abzielt, hat sich die Anzahl an FSC-CoC-Zertifikaten in Rumänien auf mittlerweile fast 700 mehr als verdoppelt.

Der Fall Schweighofer
Anfang 2017 hat der FSC dem österreichischen Unternehmen Schweighofer, Marktführer in der rumänischen Sägeindustrie, im Anschluss an ein sehr aufwändiges Verfahren das FSC-Zertifikat entzogen. Hintergrund waren nicht Verfehlungen im Geltungsbereich des FSC-Zertifikates, sondern der Vorwurf, dass die Unternehmensgruppe illegal geschlagenes Holz eingekauft oder dies wissentlich in seiner Lieferkette geduldet hatte. Dieses Holz wurde aber nicht als FSC-zertifiziertes und entsprechend gekennzeichnetes Holz verkauft.

FSC in Rumänien
Mit 2,8 Mio. Hektar und 42% der rumänischen Waldfläche spielt FSC eine gewichtige Rolle. Der WWF, der sich auch im Revisionsprozess aktiv eingebracht hat, fordert für das Land “eine glaubwürdige Zertifizierung von mindestens drei Millionen Hektar” sowie “die lückenlose Transparenz der Herkunft für alle gefällten Bäume” in Rumänien.

Der Weg zum neuen Waldstandard
Neben der eigentlichen Arbeit im Richtlinienausschuss mit Mitgliedern aus Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialkammer wurde der Prozess der Standardentwicklung durch einen umfangreichen Multi-Stakeholder-Prozess und andere FSC-typische Beteiligungsforen, in denen verschiedene Interessen gebündelt und konsolidiert werden konnten, begleitet. Wichtigste Neuerungen und Verbesserungen im Vergleich zu nicht-FSC-zertifizierter Forstpraxis konnten insbesondere im Bereich Arbeitsschutz, Baumartenwahl und dem Schutz seltener Arten erreicht werden.

Im Rahmen des umfangreichen Dialogprozesses wurden mehr als 1.600 Stakeholder identifiziert und angeschrieben.

Die Möglichkeiten der Beteiligung hat FSC-Rumänien aktiv kommuniziert, z.B. über einen eigenen Webauftritt speziell zum Revisionsprozess (www.standardnational.ro, auch auf Englisch), Öffentlichkeitsarbeit und über Social Media-Kanäle (Facebook-Seite) oder Seminarveranstaltungen. Die erste öffentliche Konsultation wurde von 60 auf 90 Tage verlängert, um auch international agierenden NGOs oder Zertifizierungsstellen weitere Zeit für Eingaben zu geben. Insgesamt belief sich die Zeitspanne, in der öffentliche Konsultationen möglich waren, auf 120 Tage.

Marius Turtica von der Asociatia pentru Certificare Forestiera (Verein für Waldzertifizierung), der den Prozess/den Richtlinienausschuss moderiert hat, berichtet, dass großes Interesse an der Ausarbeitung eines nationalen Waldstandards für Rumänien von Seiten der Forstbranche bestand (Staats- und Privatwald). RNP ROMSILVA, die rumänische Staatsforstverwaltung, hatte als Mitglied in der Wirtschaftskammer maßgeblich den rumänischen Waldstandard mitgestaltet. Insgesamt war das Engagement der Förster und Waldbesitzer recht groß.

Umweltinteressen wurden von lokalen, nationalen und international aufgestellten NGOs eingebracht. Schwierig war es, einzelne, in Rumänien besonders relevante Stakeholder zur Mitarbeit zu motivieren und deren Feedback zu bekommen. Die größte Herausforderung bestand laut Marius Turtica darin, während der öffentlichen Konsultation Stakeholder für die Sozialkammer zu gewinnen. An weiteren Dokumenten (Leitfäden, Merkblättern etc.), die die Umsetzung des Standards für alle Interessengruppen erleichtern, wird derzeit noch gearbeitet.

Inhalte des neuen Rumänischen FSC-Waldstandards
Was ist neu?
Aus Sicht von FSC Rumänien konnten folgende, maßgebliche Verbesserungen erreicht werden:
1.) Regelungen, die das Korruptionsproblem im Forstsektor und darüber hinaus eindämmen: Anti-Korruption-Policies müssen zukünftig vom Zertifikatshalter erarbeitet werden, um Korruption effektiv vorzubeugen.
2.) Due diligence/Sorgfaltspflichtregelungen im Bereich der Holzkennzeichnung und Rückverfolgbarkeit
3.) Regelungen für Flächen ohne Holznutzung sind nun klarer und präziser.
4.) Bei Flächenplanungen zu Holzeinschlagsmaßnahmen werden die Anliegen von betroffenen Gemeinden stärker berücksichtigt. Die lokal oder regional weiterverarbeitende Holzwirtschaft wird gefördert.
5.) Regelungen zu Totholz und Biotopbäumen sind präzisiert worden.
6.) Erarbeitung und Anpassung einer Liste mit 60 seltenen und bedrohten Pflanzenarten, auf die bei der Waldbewirtschaftung besondere Rücksicht genommen werden muss.

Was fällt auf aus deutscher Perspektive?
Liest man den rumänischen Standard aus Sicht eines deutschen Waldexperten, fallen folgende Aspekte auf:
1.) Persönliche Schutzausrüstung muss vom Arbeitgeber gestellt werden.
2.) Besondere ökologische und kulturelle Schutzwerte (HCVs) und entsprechende Waldflächen sowie das Vorkommen streng geschützter Arten müssen fortan regelmäßig kartiert, bewertet und geschützt werden.
3.) Gibt es Hinweise auf HCVs, die jedoch noch nicht bestätigt sind, müssen Planungen und Maßnahmen nach dem Vorsorgeprinzip durchgeführt werden.
4.) Schulung von Mitarbeitern zur Identifikation seltener/bedrohter Arten.
5.) Zum Einsatz von Gastbaumarten regelt der rumänische Standard, dass nicht-heimische Baumarten auf max. 10% der Fläche angebaut werden dürfen.

Was ist mit Kahlschlag?
Das Thema Kahlschlag wird im rumänischen Standard nicht direkt aufgegriffen. Verantwortlich dafür sind klare Regelungen in der Gesetzgebung, die aus Sicht der rumänischen FSC-Akteure einen ausreichenden und klaren Rahmen setzten:
- In National- und Naturparks sind Kahlschläge verboten. Ausnahme: aus naturschutzfachlicher Sicht (Artenschutz-/Biotoppflegemaßnahmen) notwendige Eingriffe, die vom amtlichen Naturschutz gefordert werden.
- Kahlschläge sind nur in gleichaltrigen Fichtenreinbeständen oder in der Kiefer möglich; maximale Größe 3 ha.
- Kahlschläge sind auch möglich in Weiden- oder Hybridpappelplantagen.

In zahlreichen, präzisierenden Indikatoren werden indirekte Aspekte/mögliche negative Auswirkungen thematisiert (Erosion, Wasser- und Bodenschutz etc.), die der Forstbetrieb auszuschließen hat.

Wie bewertet der WWF Rumänien das Ergebnis?
Für Umwelt-NGOs und damit auch für den vor Ort sehr aktiven WWF sind vor allem die Wirkungen, die ein FSC Standard gegenüber nicht-FSC-zertifiziertem Wald entfaltet, von Bedeutung.

Der WWF Rumänien betont v.a. folgende Verbesserungen gegenüber konventioneller rumänischer Forstwirtschaft:
- Die effizienten, klar definierten Beschwerdeverfahren, die Umweltschützer nutzen können und die kostengünstiger und unkomplizierter sind als der formale Rechtsweg
- Die Unterstützung von Arbeits-, Gesundheitsschutz sowie Qualifizierung und Weiterbildung auch vor dem Hintergrund der Arbeitsmigration nach Rumänien
- Proaktive und transparente Beteiligungsverfahren von Stakeholdern und lokalen Gemeinden in forstbetriebliche Entscheidungsprozesse
- Die klaren Kriterien für die Einschränkung der lokalen Brennholznutzung durch die Bevölkerung
- Der erleichterte Zugang zu Aufträgen für lokale, forstliche Unternehmer und die Förderung lokaler Verarbeitungsbetriebe und damit lokaler Wertschöpfung
- Vor allem außerhalb von geschützten Gebieten ergeben sich Vorteile durch den FSC Standard, weil auch hier mögliche, negative Auswirkungen auf die Umwelt durch forstliche Aktivitäten bewertet und Bewirtschaftungsmaßnahmen angepasst werden. Beste verfügbare Informationen über seltene und gefährdete Arten werden genutzt, örtliche Artenschützer aktiv eingebunden und darauf aufbauend zusätzlich zu staatlich geschützten Gebieten Naturschutzzonen durch die Forstbetriebe ausgewiesen.
- 10% der forstlichen Betriebsflächen werden zu einem Netzwerk aus Naturschutzgebieten erklärt. Repräsentative Beispiele natürlicher Ökosysteme werden hier geschützt oder entwickelt.
- Besondere Schutzwerte werden durch den Forstbetrieb identifiziert. Hierbei, als auch bei der Planung von Maßnahmen um diese zu erhalten/zu verbessern, sind Stakeholder aktiv einzubinden.
- Der FSC Standard trägt dazu bei, dass mögliche, negative Auswirkungen von Naturgefahren (Sturm, Borkenkäfer, Feuer, Schneebruch …) auf den Wald, den Forstbetrieb, die Infrastruktur und die angrenzenden Gemeinden reduziert werden.
- Der Erhalt oder die Wiederherstellung natürlicher Wasserläufe, Gewässer, Uferzonen und deren Vernetzung aber auch die Vermeidung der Reduzierung von Wassermenge und Qualität durch forstliche Bewirtschaftung
- Bei unklaren Eigentumsverhältnissen oder Verfahren, die Aufgrund von ungeklärtem Eigentum anhängig sind, ist eine FSC-Zertifizierung ausgeschlossen.

In Summe zeigt sich der WWF Rumänien zufrieden mit dem erzielten Ergebnis.

Freiburg, 6.7.2019, Elmar Seizinger und Hannes Schmitt


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