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Mittwoch, 28 November 2018
FSC-Wald ohne Gift!? – Borkenkäfer 2018

Bericht zur Veranstaltung am 22. November 2018


Nach einem für die Forst- und Waldwirtschaft dramatisch trockenen Sommer, der dazu geführt hat, dass sich Borkenkäfer (hier v.a. der Buchdrucker) extrem vermehrt haben, hat FSC-Deutschland eine vorläufige Bilanz gezogen. Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am22. November 2018 im Walderlebniszentrum Soonwald wurde das Thema umfassend aufgegriffen und diskutiert. Den Auftakt machte Dr. Franz Leibl, der Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald. Neben der naturwissenschaftlichen Sicht auf die Populationsdynamik des Borkenkäfers in der Vergangenheit, war auch der Umgang mit dem Thema im Rahmen der Kommunikation vor Ort gegenüber privaten Waldbesitzern von Interesse. Spannend war auch, zu erfahren, dass der Borkenkäfer dort nicht als Schädling betrachtet, sondern als „Waldgestalter“ gesehen wird. Der Vortrag der bereits am Vorabend präsentiert wurde, konnte im Anschluss noch ausführlich diskutiert werden. Am Folgetag stand nicht der Nationalpark, sondern der Wirtschaftswald im Fokus der Debatten. Zu Beginn wurden die FSC-Regularien vorgestellt. Demnach ist im FSC-zertifizierten Wald in Deutschland jedes Pflanzenschutzmittel verboten. Ausschließlich auf Grundlage einer behördlichen Anordnung, die wie Gesetze auch über den FSC-Anforderungen stehen, können in Pflanzenschutzmittel überhaupt zum Einsatz kommen. Deutlich wurde hier auch, dass die in Deutschland gebräuchlichen Mittel (Fastac Forst und Karate WG) vom FSC International als „besonders gefährliche Pestizide“ eingestuft werden. Im Anschluss stellten verschiedene Forstbetriebe ihre Situation dar. Sowohl ForstBW als auch HessenForst berichteten von großen, landesweit abgestimmten Aktivitäten unter Einbeziehung der jeweils zuständigen forstlichen Versuchsanstalten. Ziel jeweils: die Vermehrung des Borkenkäfers einzuschränken. Schlussendlich erteilten aber in beiden Ländern die zuständigen Ministerien behördliche Anordnungen zum begrenzten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, weil alle anderen, technischen und logistischen Ansätze nicht ausreichend Wirkung erzielten. Die Stadt Lohr, ein Forstbetrieb mit gut 4000 ha Wirtschaftswald und einem relevanten Fichtenanteil, konnte den Pestizideinsatz vermeiden, auch weil örtliche, FSC-zertifizierte Säger, das Holz zeitnah aus dem Wald transportierten. Aus Sicht des Holzkäufers entsteht ein gewisser Druck, wenn das Holz als FSC-zertifiziert weiterverarbeitet werden soll. Denn frisch mit Pestiziden behandeltes Holz gilt nicht als FSC-zertifiziert, auch wenn der Einsatz auf Grundlage behördlicher Anordnungen stattgefunden hat.



Im Anschluss berichtete Dr. Ralf Petercord (LWF Bayern) von der Borkenkäferdynamik im Jahr 2018. Spätestens bei seiner Prognose wurde allen klar, dass das Thema Borkenkäfer die Forstwelt auch in den nächsten Jahren befassen wird. Laut Herrn Dr. Petercord müssen wir in Mitteleuropa mit einer Temperaturerwärmung von 4 Grad rechnen, wenn das globale 2 Grad-Ziel erreicht wird. Damit einher gehen natürlich entsprechend dramatische Veränderungen für die Land- und Forstwirtschaft. Herr Seitz (FVA Baden-Württemberg) zog Bilanz zu allen gängigen Verfahren bei dem Versuch Borkenkäferpopulationen einzudämmen und machte deutlich, dass seiner Meinung nach nur alle Verfahren zusammen überhaupt die Chance gewähren der Populationsdynamik des Borkenkäfers etwas entgegen zu setzten. Hoffnung machte Bernd Heinrich (kwf), der eine neue Technik vorstellte: den entrindenden Harvesterkopf. Damit steht den Forstbetrieben eine zusätzliche Technik zur Verfügung, die wohl unbedingt im Konzert der von Herrn Seitz vorgestellten Verfahren eine Rolle spielen sollte.



Viele zusätzliche Aspekte wurden in der Diskussion erwähnt, so zum Beispiel die Rolle der Schalenwildpopulation, wenn es um den Waldumbau geht sowie generell waldbauliche Fragen. Man war sich einig, dass das Thema Waldumbau zwar seit Jahren diskutiert wird, entsprechende Maßnahmen aber lange noch nicht angemessen umgesetzt werden. Aktuell gehen im großen Stil Fichtenbestände verloren, ohne dass die nächste Waldgeneration schon vorhanden ist. Jeder Förster weiß, welche gravierenden Probleme mit Freiflächensituationen verbunden sind. Dass manche Forstbetriebe immer noch mit relevanten Fichtenanteilen in der Zukunft rechnen, sorgte für Unverständnis bei einem Großteil der Teilnehmer.


Schlussendlich zeigten sich die rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr zufrieden mit der Veranstaltung und machten sich recht nachdenklich auf den Heimweg.


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