Aktuelles

Nachrichten und Themen rund um unsere Aktivitäten


Mittwoch, 17 Oktober 2018
Der Beitrag des FSC zur Artenvielfalt in lettischen Wäldern

FSC-Standards sorgen dafür, dass biologisch wertvolle Bäume von der Holzernte verschont bleiben. Foto von Achim Prill/Mostpho

Die Wälder unserer Erde erfüllen eine Vielzahl verschiedener Funktionen, die sowohl für uns Menschen als auch für die Tier- und Pflanzenwelt von enormer Bedeutung und Tragweite sind: Sie sind Sauerstoffproduzent, Rohstofflieferant, Lebensraum und Erholungsort zugleich. Am Beispiel Lettlands können all diese Rollen des Ökosystems Wald besonders deutlich gemacht werden. Hier zeigt sich auf anschauliche Art und Weise, welchen positiven Einfluss FSC auf den Fortbestand von Wäldern und der darin vorkommenden Artenvielfalt hat.


Die Bedeutung des Waldes in Lettland
Über die Hälfte Lettlands ist mit Wald bedeckt, in Deutschland dagegen ist es nur knapp ein Drittel. Damit steht das Land im Baltikum an vierter Stelle im europäischen Vergleich. Allerdings war das nicht immer so: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeckte der Wald gerade einmal ein Viertel der Landesfläche. Wirtschaftlich gesehen spielen Wald- und Holzwirtschaft heute zweifellos eine wichtige Rolle in Lettland. Gerade in ländlichen Gegenden gilt dieser Sektor oft als Hauptarbeitgeber. Im Jahr 2015 bildeten Wald- und Holzwirtschaft einen Anteil von 5,2 Prozent am lettischen BIP. Neben ökonomischen Aspekten beinhaltet der Wald jedoch auch eine soziale Komponente, die es zu berücksichtigen gilt. So zeigen Umfragen, dass sich über 80 Prozent der lettischen Bevölkerung regelmäßig im Rahmen von Freizeitaktivitäten im Wald aufhält.Eine nachhaltige und umweltverträgliche Waldwirtschaft hat deshalb große Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft des Landes. Das lettische Parlament ist sich dessen bewusst und hat bereits Maßnahmen ergriffen, um den Wald als Lebensraum zu erhalten. Nichtsdestotrotz gehen die Richtlinien des FSC meist über die gesetzlichen Regelungen hinaus und tragen so beispielsweise enorm zur Erhaltung der Artenvielfalt in lettischen Wäldern bei.

Wirtschaftliche Stilllegung (bestimmter Flächen) zur Förderung der Artenvielfalt
Die lettische Gesetzgebung schützt bestimmte Waldgebiete, die sie als Schutzzonen ausweist und in denen eine wirtschaftliche Nutzung begrenzt oder ganz verboten ist. Ein besonderer Fokus liegt hier auf dem Schutz alter Wälder, da diese aufgrund der historischen Waldentwicklung in Lettland relativ selten sind. Der FSC ergänzt diese Schutzbestimmungen, indem er jeden Waldbesitzer dazu verpflichtet, 10 Prozent seiner Waldfläche zu bewahren und nicht wirtschaftlich zu nutzen. Die Pflege dieser ungenutzten Flächen nimmt eine zentrale Rolle beim Schutz der Artenvielfalt ein. Grundlegende Faktoren, die ein vielfältiges Spektrum an Lebensräumen zulassen, wie zum Beispiel eine hohe Baumartenvielfalt, mehr Totholz oder natürliche Lückenstrukturen im Wald, werden durch diese Maßnahmen besonders gefördert. Mithilfe der erhöhten Anzahl naturbelassener Waldflächen in FSC-zertifizierten Gebieten wird gleichzeitig ihre Verbindung untereinander gestärkt. So können Arten, die sich nur über kürzere Distanzen hinweg ausbreiten, eine größere Fläche einnehmen. Dadurch sinkt das Risiko, dass eine Art in einer bestimmten Region ausstirbt. Alte und biologisch besonders wertvolle Waldflächen sind nach dem FSC-Standard deshalb von einer wirtschaftlichen Nutzung ausgeschlossen.
Dass der Wald als Ökosystem auf besonderen Schutz angewiesen ist, zeigt sich an verschiedenen Beispielen. So belegen Studien, dass viele Waldvögel besonders anfällig gegenüber Störungen in der Nähe ihrer Brutstätten sind. Deshalb muss, wie im FSC-Standard festgehalten, während der Brutzeit die Lautstärke der Forstarbeiten in Gebieten mit hoher Brutdichte reduziert werden. Dies kann unter anderem am Beispiel des Schwarzstorchs verdeutlicht werden, dessen Bestand im gesamten Baltikum rückläufig ist. Dieser Rückgang wird mitunter auf die intensivierte forstwirtschaftliche Nutzung zurückgeführt, da immer wieder geeignete Nestbäume abgeholzt werden und die Vögel beim Brüten sehr lärmempfindlich sind. Aus diesem Grund ist eine wirtschaftliche Nutzung des Waldes in der Nähe von Brutstätten des Schwarzstorchs in FSC-Wäldern explizit untersagt. In Deutschland sind diesbezüglich inzwischen erhebliche Erfolge zu verzeichnen. So sind im 4 600 Hektar großen Stadtwald von Lübeck im Jahr 2018 vier Schwarzstorchküken geschlüpft. Ihre Eltern sind eines von geschätzt sieben bis zehn Brutpaaren in Schleswig-Holstein. Erst mit dem Lübecker Waldkonzept, das zu Beginn der 90er Jahre eingeführt wurde, hat sich der Schwarzstorch dort wieder angesiedelt. Die „naturnahe Waldnutzung“ sieht hier beispielsweise vor, dass mindestens 10 Prozent der Baummasse als Biotop- und Totholz erhalten bleiben müssen. Bereits seit 1998 ist der Lübecker Stadtwald FSC-zertifiziert.

Im frühen 20. Jahrhundert wanderte der Biber wieder nach Lettland ein und die Population steigt seither stetig. Seine außergewöhnlichen Bauten tragen zu natürlichen Veränderungen im Wald bei, was sich positiv auf die strukturelle Vielfalt dieser Gebiete auswirkt. Das Aufstauen von Fließgewässern und der damit verbundene größere Totholzbestand stärken die Zugabe von organischem Material und Nährstoffen und damit die Produktivität des Ökosystems. Deshalb müssen nach FSC-Standard alle alten Biberseen sowie Überschwemmungs- und Feuchtgebiete, die sich insbesondere durch Totholz auszeichnen, intakt bleiben und von der forstwirtschaftlichen Nutzung ausgenommen werden.

Der Schwarzstorch gehört zu den gefährdeten Arten Lettlands. Er reagiert sehr empfindlich bei Störungen. Foto von Achim Prill/MostphotosStrenge Richtlinien für Artenschutz bei der Waldnutzung
Damit der Wald und die in ihm heimischen Arten trotz forstwirtschaftlicher Nutzung nicht zu sehr belastet werden, haben sowohl der Staat als auch der FSC Bestimmungen erlassen, die sich unter anderem mit abgeernteten Waldflächen befassen. Kahlhiebe durchzuführen ist eine gängige Praxis, um unproduktive Standorte zu roden und somit zu verjüngen, oder um natürliche Störprozesse wie zum Beispiel großflächige Waldbrände zu imitieren. Weiterhin wird dadurch der Wald nur einmalig belastet, anders als bei wiederholten kleineren Rodungen. Während die lettische Gesetzgebung dabei die Erhaltung von fünf Bäumen pro gefälltem Hektar fordert, setzen die Standards des FSC mindestens zehn Bäume voraus. Die erhaltenen Bäume bieten den Arten, die auf sie angewiesen sind, auch nach der Holzernte noch einen Lebensraum. Diese „Lebensretter“-Funktion erweist sich beispielsweise als wertvoll für verschiedene Pilzarten oder für im Boden lebende Organismen. Zusätzlich ist klar festgelegt, dass stets diejenigen Bäume erhalten bleiben müssen, die für das Ökosystem am wertvollsten sind, was der Artenvielfalt ebenfalls weiter zu Gute kommt.
Totholz nimmt im Ökosystem eines Waldes eine zentrale Rolle ein: Es dient als Nahrungsmittel für Organismen wie wirbellose Tiere oder Pilze, als Rückzugsort für diverse kleine Säugetiere, Reptilien und Amphibien oder als Brutstätte für Vögel. Außerdem gilt Totholz als Quelle für organisches Material und Nährstoffe, die vom Waldboden aufgenommen werden. Aus diesem Grund hat der FSC auch Vorgaben zum Erhalt toter Baumstämme während der Ernte einer Fläche gemacht.

Verschiedenes Totholz und vielfältige Strukturen im Wald sind Garanten für eine hohe Biodiversität und bieten viele unterschiedliche Lebensräume. Foto von Viktor Golenkovs/MostphotosSicherung regionaler Naturlandschaften und einheimischer Arten als Schlüssel zur Nachhaltigkeit
Feuchtwälder, wie Au- oder Bruchwälder, sind in Lettland weit verbreitet. Ihr Umfang schrumpft jedoch seit einiger Zeit, da vermehrt Waldflächen zur forstwirtschaftlichen Nutzung trockengelegt werden. Um diese spezielle Naturlandschaft trotzdem zu erhalten, stellt der FSC besondere Regeln zu Umgang und Nutzung solcher Wälder auf. So müssen in Feuchtwäldern dreißig Bäume mitsamt Unterholz pro gefälltem Hektar erhalten bleiben. Darüber hinaus sind Pufferzonen von bis zu 100 Metern entlang von Mooren und Sümpfen einzuhalten. Allgemein zeichnet sich diese Waldart durch feuchtes Klima sowie einen Wasserkreislauf aus, der periodische Überschwemmungen miteinschließt. Die Folge ist eine hohe strukturelle Vielfalt. Diese lässt sich anhand zahlreicher Arten nachweisen, die sich an die Bedingungen des Feuchtwaldes angepasst haben und nicht in anderen Wäldern überleben können. Andererseits benötigen einige Tierarten eine Koexistenz von Feuchtwäldern und anderen Waldtypen. Die Anforderungen und Bestimmungen des FSC helfen in diesem Zusammenhang dabei, Feuchtwälder zu bewahren und die strukturelle Artenvielfalt in lettischen Wäldern zu erhalten.

Ein weiterer zentraler Aspekt der FSC-Zertifizierung besteht in der Förderung einheimischer Baumarten. Während die lettische Gesetzgebung den Gebrauch von nicht-einheimischen Arten bei der Wiederaufforstung zulässt, ist dies nach FSC-Regeln verboten oder stark eingeschränkt. Der Grund hierfür liegt in der größeren Widerstandsfähigkeit heimischer Baumarten, die ihre spezifischen Überlebensstrategien im Laufe der Zeit dem jeweiligen Ökosystem angepasst haben. Somit wird die Artenvielfalt unterstützt und das Ökosystem stabilisiert, was eine nachhaltige Waldwirtschaft langfristig ermöglicht.


Zusammenfassung (Tabelle)
Die Unterschiede, die eine FSC-Zertifizierung herbeiführen kann, werden am Beispiel der lettischen Wälder in der nachfolgenden Tabelle nochmals auf einen Blick zusammengefasst. Nur Anforderungen, die sich in allen vier FSC-Standards finden lassen und die über die Regelungen der lettischen Regierung hinausgehen, wurden berücksichtigt. Ein starker Beitrag des FSC wird hierbei durch ein grünes Feld dargestellt, ein Teilbeitrag durch ein gelbes Feld. Ein Fragezeichen kennzeichnet Beiträge, die nicht gefunden oder eingeschätzt werden konnten.

Lettische Vorschriften und FSC-Standard - Vergleich und Einfluss auf die Biodiversität – Die Unterschiede, die eine FSC-Zertifizierung herbeiführen kann, werden am Beispiel der lettischen Wälder in der nachfolgenden Tabelle nochmals auf einen Blick zusammengefasst. Nur Anforderungen, die sich in allen vier FSC-Standards finden lassen und die über die Regelungen der lettischen Regierung hinausgehen, wurden berücksichtigt. Ein starker Beitrag des FSC wird hierbei durch ein grünes Feld dargestellt, ein Teilbeitrag durch ein gelbes Feld. Ein Fragezeichen kennzeichnet Beiträge, die nicht gefunden oder eingeschätzt werden konnten.*"Specially Protected Nature Territories" sind geographisch spezifische Gebiete, die durch die Regierung geschützt sind, um biologische und kulturelle Werte zu erhalten. Zum Beispiel: Naturschutzgebiete, Nationalparks oder geschützte Landschaftsgebiete. Die allgemein gültigen Vorschriften werden von der Regierung festgelegt. Diese beinhalten zum Besispiel das Verbot, in Naturschutzgebieten großflächige Holzernte zu betreiben, neue Straßen zu bauen oder künstliche Waldverjüngung durchzuführen. Für mehrere Areale wurden auch individuelle Vorschriften festgelegt, die strengere Richtlinien vorschreiben.
** "Mikro-Reservate" sind Gebiete, die den Erhalt besonders geschützter Arten oder Biotope sicherstellen sollen. Ähnlich wie bei "Specially Protected Nature Territories" sind hier alle Praktiken, welche eine Art oder ihren Lebensraum gefährden könnten, eingeschränkt oder verboten. Allerdings ist das Verfahren zur Einrichtung eines Mikro-Reservats einfacher und kürzer.
*** "Woodland Key Habitats (WKHs)" sind Waldgebiete, in denen Arten leben, die speziellen Lebensraum benötigen und somit nicht in Wäldern überleben können, die zur Holzgewinnung genutzt werden. Gut fundierte Beweise für die Existenz dieser Gebietsspezialisten genügen somit aus, ein Gebiet als "Woodland Key Habitat" zu definieren.

Dieser Artikel basiert auf einer Studie von FSC Schweden und FSC Lettland namens „The contribution of FSC certification to biodiversity in Latvian forests“ (https://se.fsc.org/preview.the-contribution-of-fsc […]). Die Autoren sind Emily Lehtonen und Henrik von Stedingk von FSC Schweden.
Weiterhin sind die Zahlen der Schwarzstorchpopulation im Lübecker Stadtwald dem Artikel „Stadtwald etabliert sich zum Lebensraum für seltene Vogelarten“ des Focus Online entnommen (https://www.focus.de/regional/luebeck/luebeck-hans […]).


© Forest Stewardship Council® · FSC® F000213