Events


Mittwoch, 15 Dezember 2021
Gib Gummi – aber nachhaltig!

Naturkautschuk (© H.-G. Evers)© H.-G. Evers

FSC-Webinar zu Naturkautschuk bestätigt einmal mehr das große Potential der Nachhaltigkeits-Zertifizierung in dieser Branche


Mit knapp 50 Teilnehmenden war das erste Webinar des FSC Deutschland/Österreich zum Thema Naturkautschuk ein voller Erfolg. Die Zuhörer erhielten dabei einen 360-Grad-Überblick entlang der gesamten Produktionskette – von der Gummiplantage über die Beschaffung und Importwege bis hin zur Vermarktung an den Endkonsumenten: So wurde ein sehr lebendiger Einblick in die Rolle und den Wert der FSC-Zertifizierung gegeben. Eine bildhafte Reise in die Ursprungswelt des Naturkautschuks bei Kleinbauern in Asien/Afrika, Berichte über volatile Preisentwicklungen, Beispiele, wie man in diesem Umfeld vorbildlich Entwicklungsarbeit leisten kann, Erfahrungen zu steigender Nachfrage in unseren Breiten, sowie Einblicke / Anforderungen aber auch Benefits durch Zertifizierung der Anwenderseite rundeten die Veranstaltung ab.

Zunächst präsentierte FSC-Fachreferent Sergio Di Fatta die ökologischen und sozialen Aspekte einer FSC-Zertifizierung als eine Antwort auf die Entwaldung und zur Absicherung der Arbeitnehmerrechte. Er gab einen Überblick über die Einsatzgebiete in der Lieferkette und bei Produkten aus Naturkautschuk. So zählen neben prominenten Schuhmarken, wie Ethletic oder Hunter bereits Hersteller von Gummihandschuhen, Wet Suits als Alternative zu Neoprenanzügen, Kondomen und nicht zuletzt mit Pirelli auch ein Produzent von Autoreifen bereits zu den Unternehmen, die auf eine FSC-Kennzeichnung setzen.

Sprichwörtlich gibt es in einem startenden Markt für FSC bei Naturkautschuk ein „Henne-und-Ei“-Paradoxon: Muss zunächst die Nachfrage oder die Versorgung, sprich die Zertifizierung der Gummibaum-Plantage anspringen? Der Henne oder dem Ei ist das eigentlich weitgehend egal: Von daher eine der Seiten, und dies kann in Deutschland und Österreich eben die Nachfrageseite sein, die den ersten Schritt machen sollte. Wenn dann allerdings Nachfrager sich entschieden haben, dann gibt es als nächste Frage mitunter ein Versorgungsproblem zu lösen. Dies ist für mehr Nachhaltigkeit jedoch ein positives Problem: Ist es gelöst, und steigt die Anzahl der zertifizierten Unternehmen und Plantagen, dann erreichen wir konkrete Schritte in eine bessere Welt, so der FSC-Experte. „Während die Versorgung mit FSC-Material oftmals aufgrund von zu geringer Nachfrage und zu geringem wirtschaftlichem Nutzen stockt und der Aufwand einer Zertifizierung gescheut wird, warten Hersteller vor der Umstellung auf das Angebot von FSC-zertifiziertem Naturkautschuk. So stellt sich einmal mehr die Henne / Ei Frage. Wir sehen aber durch die Nachfrage großer Marken, wie Pirelli, Hunter, Latexco, dass sich etwa in Thailand die Anzahl der zertifizierten Kleinbauerngruppen im letzten Jahr mehr als verdreifacht hat.“, erklärte Sergio Di Fatta die Situation. Er stellte auch ein Beispiel vor, wie die FSC Gruppenzertifizierung etwa bei einem Kautschukplantagenbesitzer und Landwirten in Thailand zu höherem Einkommen, mehr Eigenständigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit geführt hatte. Die Entwicklung der zukünftig zertifizierten neuen Flächen kann über eine neue Datenbank des FSC, in der anstehende Wald-Auditierungen angekündigt werden, abgelesen werden: https://info.fsc.org/evaluation.php

In seiner Präsentation gab anschließend Dr. Christoph Sokolowski vom wdk (Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V.) einen Einblick in die Welt des Naturkautschuks. Er berichtete von dem sogenannten „Tapping“ in Handarbeit. Dies ist die Produktionsweise wie der meiste Naturkautschuk, typischerweise von Kleinbauern in Asien gewonnen wird. Naturkautschuk kommt zu überwiegenden Anteilen aus Süd-Ost-Asien (v.a. Thailand, Indonesien, Vietnam) und zu kleineren Teilen aus West-Afrika und Lateinamerika. Es werden zwei große Bereiche beliefert: zu 70% gehen die Mengen an die Reifenindustrie und der Rest in die Produktion von anderen Kautschuk und Latex-Produkten („General Rubber Products wie z.B. Dichtungen, Matratzen, Handschuhe, Kondome,….). Sokolowski erläuterte auch die Alleinstellung von Naturkautschuk und die Tatsache, dass auch wenn Synthetikkautschuk eingesetzt wird, dieser den Naturkautschuk oft nicht ersetzen kann.

Auch der Experte und Leiter des „Hauptstadtbüros“ des wdk bestätigte die erhöhte Nachfrage nach nachhaltig gewonnenem Naturkautschuk, was übrigens die Teilnehmer des Webinars im Rahmen der Veranstaltung auch in einer Spontan-Umfrage deutlich bestätigten.

Weiter ging es mit dem Referat von Hans Evers, Sustainability Manager bei WEBER & SCHAER GmbH & Co. KG. Dieser sprach unter anderem über Herausforderungen bei der Produktion des Rohkautschuks durch Kleinproduzenten und auf Plantagen. Sehr übersichtlich erklärte Evers auch die Lieferkette bei Naturkautschuk und Latex: So erfolgt die Gewinnung zu 15% von Großplantagen, überwiegend sonst von Kleinbauern. Produzenten liefern daraus 90% Festkautschuk, der wiederum zu 90% Eingang in Reifen findet, der Rest landet in der Produktion von anderen Naturkautschuk- und Latexprodukten wie Gummiteile bei Automotive, Schuhe und Mode, Klebstoffe, usw.,…. – dieser Festkautschuk sei für Endverbraucher meist NICHT erkenntlich und wird nicht wahrgenommen. Ein gutes Beispiel ist, dass nicht wahrgenommen wird, dass Klebebänder oft Gummi als zentralen Bestandteil enthalten.
Besonders spannend für Endkonsumentenmarken – und somit auch mit einer erhöhten Nachfrage bei FSC-Zertifizierung verbunden - sei jedoch vor allem der Latex, bei dem es Produkte gibt, bei denen vom Verbraucher wahrgenommen wird, dass es sich um ein Naturprodukt und spezifisch um Naturkautschuk handelt. Beispiele sind hier Matratzen, Kondome, Handschuhe oder Haushaltsgummis.

Evers berichtete über Beispiele, bei denen Weber & Schaer mit Projekten, Verarbeiter und Plantagenbesitzer in Thailand in die Zertifizierung geführt hatte und für eine Verbesserung der Situation vor Ort gesorgt hatte. Weber&Schaer verfolgt hierbei ein Prämien-System, um die Waldzertifizierung für Kleinbauern und den Zwischenhandel des Rohmaterials attraktiv zu machen. „Die Kleinbauern sind der ‚Backbone‘ unserer Industrie und wir sehen es als unsere Verantwortung, fair mit unseren Lieferanten umzugehen. Unsere Strategie ist es, selbst aktiv zu werden, um Versorgung mit FSC-zertifiziertem Material zu unterstützen. Wir möchten nicht abwarten, sondern in 10 Jahren zurückblicken, was wir bereits alles für mehr Nachhaltigkeit und das Hochleistungs- und Alltagsmaterial Naturkautschuk erreicht haben“, so Evers.

Die Entscheidung für eine FSC-Zertifizierung fiel bei Weber & Schaer 2019. Als Hauptgründe für die Zertifizierung nach FSC wurden die Transparenz, Überprüfbarkeit für alle Beteiligten vom Ursprung, über die Lieferkette bis hin zum Konsumenten genannt: „Die FSC-Zertifizierung bildet einen Zusatznutzen sowohl für den Ursprung, z.B. durch eine Prämie, die Mitte (durch Transparenz) als auch für den Endkunden (überprüfbare Nachhaltigkeit)“, fasste Evers zusammen.

Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Robert Richter vom Kondom-Hersteller Ritex die Strategie hinter seinen Kondomen aus FSC-zertifiziertem Naturlatex vor und zeigte, wie man hier den Spagat aus Produktsicherheit, Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit schafft. Für Richter erfülle die FSC-Zertifizierung die perfekten Voraussetzungen für eine ökologische und gleichzeitig ökonomische Zukunft des Unternehmens. Außerdem war die Bekanntheit des Labels, sowie die branchenübergreifende Nutzbarkeit ausschlaggebend für die Entscheidung, den nachhaltigen Weg mit FSC zu gehen. Ritex hat wichtige Produktserien auf FSC umgestellt und berichtet, dass darüber hinaus auch mehr FSC-zertifizierter Latex eingekauft wird. Die durchgängige Versorgung mit FSC-zertifizierten Latex in allen nötigen Qualitäten hat noch davon abgehalten, in Richtung kompletter Umstellung zu schreiten.

Die Produktion von Naturkautschuk steht in Konkurrenz zu anderen Anbaupflanzen: Ein Kleinproduzent kann auch auf Palmöl oder Frucht-Anbau umstellen. Eine Wertschätzung und bessere Preise für das Rohmaterial sind zukunftsentscheidend. Einig waren sich alle Referenten und Teilnehmer dahingehend, dass eine erhöhte Nachfrage nach FSC-zertifiziertem Naturkautschuk für alle Beteiligten nur Vorteile bringt: Vom Kleinbauern, über die Lieferkette, bis zum Konsumenten und in letzter Folge für die Allgemeinheit. Für alle, die Impulsgeber sein möchten, statt hinterherzurennen, für Unternehmen, die jetzt aktiv werden, wird sich nachhaltig ökonomischer und ökologischer Erfolg einstellen.

Nähere Informationen zu FSC in der Welt des Naturkautschuks erhalten Sie gern bei Sergio Di Fatta: sergio.difatta at fsc-deutschland point de

Eindrücke aus einer FSC-zertifizierten Kautschukfarm: https://creator.hosted-pageflow.com/revisions/5076 […]


© Forest Stewardship Council® · FSC® F000213